Demokratische Schule

Erleben von Gemeinschaft

Demokratie in der Schule bedeutet: Ich bin willkommen, wie immer ich bin. Ich kann da mehr tun als lernen oder unterrichten oder zweimal im Jahr zum Elternsprechtag kommen. Ich kann meine Ideen vortragen und nach einem Diskussions-, Überzeugungs- und Abstimmungsprozess auch praktisch umsetzen. Schule entwickelt sich so zur Gemeinschaft.

„Eine Schulgemeinde muss der Ort für Erfahrungen werden, die Mitverantwortung für die Gemeinschaft und Bewährung durch Mitgestaltung ermöglichen. ‚Werte‘ kann man nicht über Worte vermitteln, sie müssen mit der eigenen Lebenspraxis erfahren werden: nur so entstehen Gesinnung und Haltung. Eine Schulgemeinde ist für die meisten Heranwachsenden heute der einzige Ort, an dem ‚soziale Kohäsion‘ erzeugt wird, gerade auch durch die Erfahrung des Andersseins und der Toleranz, der Hilfsbereitschaft und Solidarität.“ So der Bildungswissenschaftler Ulrich Herrmann in DIE ZUKUNFTSSCHULE (2011). 

Dennoch bedeutet demokratische Schule nicht, jede/r redet und organisiert überall mit. Soll Demokratie funktionieren, verlangt sie große Disziplin - die SchülerInnen oft versierter aufbringen als Eltern und Lehrpersonen - und eine fein ausdifferenzierte Struktur. In thematisch festgelegten Gremien, die aber im Plenum beschlossen werden sollten, wird das Profil der demokratischen Schule diskutiert und entwickelt. 

Eltern als Mitgestalter und Experten

Eine Schule für Alle bietet wesentlich mehr Möglichkeiten der schulischen Mitgestaltung als es unsere Schulgesetze vorsehen. Sie ist auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen, und es ist nicht nur deren Arbeitskraft gefragt (z.B. beim Streichen von Wänden oder beim Catering für das Sommerfest), sondern vor allem ihre Kompetenz, die sie aus ihren Berufen und Interessen mitbringen. 

Das vielfältige Wissen der Eltern wird für den Unterricht genutzt: Sie sind Experten für spezielle Themen und können ihre Kenntnisse als Juristen, Bauarbeiter, technische und Verwaltungsfachleute, Kfz-Mechaniker, Umweltexperten, Krankenschwestern, Steuerberater, und vieles mehr lebensnah einbringen. Wann immer sie es organisatorisch ermöglichen können, sind sie willkommene Wissensvermittler von außen. 

In eine Schule für Alle gehen Kinder aus aller Welt, und die kulturelle Vielfalt der Eltern ist eine Quelle neuer Erfahrungen.

Austausch Eltern/LehrerInnen

In einer Schule, in der über den Lernfortschritt vor allem kommuniziert wird, sind die Eltern der SchülerInnen wichtige Gesprächspartner. Sie erfahren, viel mehr als durch eine platte Note, wie ihre Kinder sich im Lebensraum Schule verhalten, und sie erleben selbst einen Lernprozess übers Lernen. Sie erfahren so, was die Vielfalt des Lernens ausmacht: der kognitive Fortschritt ihrer Kinder, aber ebenso emotionale, musische und soziale Kompetenzen, Verantwortungsbereitschaft, Organisationstalent und Präsentationsfähigkeiten. Wichtig ist also das Interesse der Eltern daran, wie und was ihre Kinder lernen, nicht nur „wo sie stehen“.

Eltern sind somit auch selbst Lernende, die eine neue Sicht auf das Lernen ihrer Kinder gewinnen: Lernen nicht als Wiedergabe von Vorgegebenem, sondern als eigenständiger Konstruktionsprozess ihrer Kinder. Diese Sichtweise verlangt von den Eltern Zuversicht und Vertrauen in ihre Kinder. 

Es gibt Schulen, die sich intensiv um den Austausch mit den Eltern bemühen. So die Nikolaus-August-Otto-Gemeinschaftsschule in Berlin. Die Jugendlichen können die Schule nur besuchen, wenn ihre Eltern vorher ein Elterntraining durchlaufen haben. Eva Schmoll, die Leiterin der Schule in einem Interview: „Wir sprechen nicht nur über Erziehung, sondern ich zeige ihnen auch alle Elemente, die wir im Unterricht verwenden, also Kommunikationstraining, Teamtraining usw. Diese Methoden lernen die Eltern im Elterntraining kennen, damit sie wissen, wovon ihre Kinder sprechen.“ 

Migranten

Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern kommen, sind in einer Schule für Alle herzlich willkommen. Ihre Anwesenheit ist eine Bereicherung des kulturellen Spektrums. Schon heute sind Migranteneltern dann im Schulleben integriert, wenn man sich aktiv um den Kontakt mit ihnen bemüht. Die Internationalität an diesen Schulen schafft eine offene, anregende Atmosphäre.

Die LehrerInnen der Grundschule in der Kleinen Kielstraße in Dortmund rufen die Eltern an und besuchen sie. Gemeinsam mit den Müttern eröffneten sie in der Schule ein Cafe, in das die Mütter mit den kleinen Kindern kommen und Deutsch lernen können. So ein Cafe gibt es auch an der Nikolaus-August-Otto-Schule in Berlin. An anderen Schulen geben Mütter oder Väter muttersprachlichen Unterricht, den auch einheimische Kinder und Jugendliche besuchen, die Türkisch lernen oder einen Einblick in die arabische Schreibweise erhalten wollen.

Inklusion

Eine Schule für Alle ist selbstverständlich eine inklusive Schule. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen sind willkommen. Gemeinsames Lernen von SchülerInnen mit unterschiedlichen Voraussetzungen ist das Prinzip eines inklusiven Bildungsverständnisses in einer demokratischen Gesellschaft. Vom Zusammensein von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen profitieren alle.

Kinder ohne Behinderung lernen durch ihre MitschülerInnen mit Behinderungen sehr viel. Sie lernen das Andere, das Fremde kennen, das sich zu etwas ganz normal Menschlichem entwickelt. In einer Schule in Baden-Württemberg sagen die Schüler der Oberstufe, sie wollen Sophia, ihre Mitschülerin mit Down-Syndrom, nicht missen. „Sie macht eine gute Stimmung in der Klasse!“ Und wenn die Behinderung gering ist, wird sie als solche gar nicht wahrgenommen, weil eh jede/r anders ist.

Schüler mit Behinderungen haben besondere Bedürfnisse, die sich auf ihr Lernen auswirken. Diesen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden und erfolgreiches Lernen zu ermöglichen, ist das Ziel einer inklusiven Schule. Darüber hinaus geht es um soziale Teilhabe, denn „dabei sein“ ist noch nicht „dazu gehören“.

Die Bundesregierung hat 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert. Das bedeutet, ein inklusives Bildungssystem institutionell aufzubauen. Daran müssen alle Ebenen mitarbeiten, von den Ministerien auf Bundesebene über die Länder bis zu den Kommunen. Es müssen finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, und die Ausbildung aller LehrerInnen - nicht nur der SonderpädagogInnen - muss verändert werden. Es geht aber auch um ein verändertes Bewusstsein. Inklusion hat nichts zu tun mit karitativer Hinwendung zu Benachteiligten. Inklusion beruht auf einem Menschenbild, in dem die Verschiedenheit jedes einzelnen Menschen und dessen gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen selbstverständlich sind.