Heterogenität der Schülerschaft statt Selektion

Das deutsche Selektionssystem - einmalig auf der Welt

Die Selektion im deutschen Schulsystem ist einmalig auf der Welt. In den neuen Bundesländern hat sich wenigstens die Zweigliedrigkeit, mit Förderschulen die Dreigliedrigkeit durchgesetzt. In nördlichen Bundesländern und solchen mit einer rot-grünen Regierung werden mehr oder weniger gleichberechtigt Gemeinschaftschulen angeboten. Nicht so in Bayern. Nirgends hält sich das gegliederte System so starr und gilt als so „unantastbar“ wie bei uns. Und das, obwohl seit Jahrzehnten Studien, Analysen und auch schlicht die Praxis alternativer Schulen belegen, wie unsinnig die angeblich begabungsgerechte Sortierung von zehnjährigen Kindern auf qualitativ verschiedene Schulen ist. Knapp die Hälfte der SchülerInnen erhalten ihr Abitur nicht auf einem Gymnasium, sondern auf Umwegen über Realschule, Fachoberschule, Berufsoberschule usw. „Durchlässigkeit“ nennen das die Schulminister stolz, um zu vertuschen, dass diese SchülerInnen schlicht falsch einsortiert wurden.

Die beste Abiturientin Niedersachsens kam 2010 von der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen (deutscher Schulpreis 2011). Beim landesweiten Abiturranking belegte die Gesamtschule Platz zwei, lag also vor allen Gymnasien, außer einem. Von den 17 Kindern des Jahrgangs 2010, die nach der 4. Klasse als ‚Hauptschüler‘ eingestuft worden waren, machten nur sechs den Hauptschulabschluss, alle anderen waren besser. Sie schafften den mittleren Abschluss oder das Abitur - in einer Schule, die bis zum Ende der achten Klasse auf Noten verzichtet und die Schüler auch nicht nach Leistungsniveaus trennt. Die Schule arbeitet seit 40 Jahren nach diesem Konzept. 

Sie ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass man der Vielfalt von Kindern und Jugendlichen nicht mit verschiedenen Schularten gerecht wird. Das kann nur individueller Unterricht, eben selbstbestimmtes Lernen. Und wenn diese neue Lernkultur gelebt würde, dann bräuchten wir keine Selektion mehr. Wir könnten damit aufhören, Kinder und Jugendliche abzustempeln und abzuschreiben. In deutschen Schulen werden SchülerInnen nicht nur verletzt und gedemütigt, es werden auch viele Ressourcen verschwendet, die unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft gut brauchen könnten.

Über unser selektierendes Schulsystem sagt Jürgen Baumert, einer der renommiertesten Bildungswissenschaftler Deutschlands: „Eine zunehmende schulstrukturelle Differenzierung erhöht intentionswidrig das Risiko, dass an einzelnen Schulen Lern- und Entwicklungsmilieus entstehen, die zu einer kumulativen Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern führen.“ Auf Deutsch: Unser Schulsystem verstößt gegen Grundsätze der Bildungsgerechtigkeit in einer demokratischen Gesellschaft.

Die Gemeinschaftschule ist KEINE Einheitsschule!

Der Unterricht in einer Schule für Alle kann nicht der gleiche für alle Lernenden sein. Jede/r lernt gerade etwas anderes, inhaltlich, methodisch, auf verschiedenem Niveau. Eine Schule für Alle muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, sie sei eine Einheitsschule, in der ein Einheitsbrei über alle gegossen wird. Gerade das geschieht aber im gegliederten Schulwesen, in dem der Stoff für die ganze Klasse der gleiche ist. Wer die Inhalte längst verstanden hat und weiter machen möchte, interessiert im normierten Klassenunterricht ebenso wenig wie derjenige, der noch einige Zeit bräuchte, um zum Verständnis zu gelangen. Nicht die Gemeinschaftschule, sondern unsere heutigen Schulen sind Einheitsschulen: dort gibt es Einheitsunterricht.

Wenn individuell gelernt wird, dann könnten alle Kinder und Jugendliche zusammen in eine Schule gehen und gemeinsam lernen, jeder auf seine Weise. Sie könnten mit- und voneinander lernen. Der Umgang mit Verschiedenheit wäre für sie tägliche Praxis. Und wenn auch manchmal nicht leicht, eines wäre er immer: Quelle neuen Lernens.

Leistungssteigerung - vor allem bei starken Schülern

Häufig gibt es Bedenken, leistungsstarke Kinder würden in einer Gemeinschaftsschule nicht ausreichend gefördert: „Alle Kinder zusammen in einer Schule - wie soll das gehen? Das Niveau sinkt, gerade die starken Schüler haben Nachteile zu befürchten.“ 

Bewiesenermaßen ist das Gegenteil der Fall: Starke profitieren am meisten vom selbstbestimmten Lernen. In einer Schule für Alle gibt es kein feststehendes ‚Niveau‘, sondern jedes Kind lernt auf seinem, die Leistungsstarken also auf hohem Niveau. Die Potenziale jedes einzelnen Kindes werden so weitestgehend ausgeschöpft, was die Regelschule mit ihrem Einheitsunterricht definitiv nicht kann. 

Selbst die vermeintliche ‚Eliteförderung‘ durchs deutsche Gymnasium bringt zu wenig Leistung in der Breite und in der Spitze zustande - deutsche Gymnasiasten bewegen sich im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. Auf der anderen Seite gibt es viele Belege dafür, dass selektionsfreie Schulen besser fürs Lernen sind. So erreichen SchülerInnen der Grundschule, der einzigen wirklichen Gemeinschaftsschule in Deutschland, in internationalen Tests wie IGLU Spitzenplätze. Erst die 15-jährigen SchülerInnen fallen, nachdem sie auf verschiedene Schularten verteilt wurden, auf mittlere Plätze ab. 

In Europa erreichen Länder mit integrativen Schulsystemen bei PISA Spitzenplätze: die skandinavischen Länder oder Südtirol. Und auch in Deutschland schneiden Gemeinschaftschulen mit individuellen Lernformen bestens ab. Beispielsweise die Jenaplan-Schule in Thüringen erreicht einen Abiturschnitt von 1,5 - der Landesschnitt ist 2,3. Wie in Südtirol machen an dieser Schule 60 bis 70 Prozent der SchülerInnen Abitur. Deutschlandweit sind es 50 Prozent. 

Einwand:  „Die bayerischen Schüler stehen bei PISA doch gut da. Das Festhalten am gegliederten Schulsystem kann so verkehrt also nicht sein.“

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsstand ist hinlänglich bekannt. Nun hat Bayern von allen Bundesländern den geringsten Bevölkerungsanteil, der von Hartz IV leben muss - und dennoch machen nur 40% der bayerischen Jugendlichen Abitur. Im bundesdeutschen Durchschnitt sind es 50%. 

Bayern ist zudem Spitzenreiter darin, SchülerInnen ein Jahr wiederholen zu lassen. Und sie auf eine niedrigere Schulart abzuschulen. Insgesamt gehen von der fünften Klasse eines Gymnasiums bis zur zwölften Klasse 40% der SchülerInnen 'verloren', wie der Münchner Bildungsbericht in den letzten Jahren feststellte.

Im Übrigen ergeben alle PISA-Untersuchungen: Deutsche SchülerInnen sind international Mittelmaß. Auch die bayerischen SchülerInnen.

Altersmischung

In einer Schule für Alle lernen SchülerInnen in jahrgangsübergreifenden Lern- und Projektgruppen. Inhalte, gemeinsame Lernziele und Interessen bestimmen also die Zusammenarbeit, nicht das Geburtsdatum. Ein Lernender, der in Mathematik ein Ass ist, arbeitet mit älteren MitschülerInnen zusammen, in Deutsch dagegen, wo er schwach ist, mit jüngeren. Diese Leistungsdifferenzierungen sind möglich, ebenso aber heterogene Arbeitsgruppen, in denen das Interesse der zentrale Faktor ist. 

In altersgemischten Lerngruppen sehen jüngere Kinder, was Ältere machen und lassen sich davon anregen. So entsteht die beste Motivation: „Das will ich auch können!“ Stärkere SchülerInnen profitieren davon, Mitschülern zu helfen: Erst was man anderen erklärt hat, hat man wirklich verstanden. Außerdem erwerben sie dabei wertvolle soziale Kompetenzen.

Unsere heutige Klasseneinteilung gemäß dem biologischen Alter der SchülerInnen ist eine schulorganisatorische Entscheidung, keine pädagogische und auch keine entwicklungspsychologische.