Individuelles & aktives Lernen

Wie unterscheiden sich Unterricht und Lernen?

Der Begriff Unterricht geht von der Tätigkeit des Lehrers/der Lehrerin aus: LehrerInnen unterrichten SchülerInnen. Die hören zu und nehmen auf. Die Initiative geht immer vom Lehrer aus, er hat die Fäden (des Lehrplans) in der Hand.

Lernen geht von der Tätigkeit der SchülerInnen aus: Sie lernen in einem aktiven Prozess, der von ihrem Interesse geleitet wird. Wie die SchülerInnen lernen - Raum, Zeit und Begleitung - entscheiden sie selbst. Die Tätigkeit des Lehrers liegt in der Vorbereitung des Lernprozesses und in dessen Begleitung als Moderator. In einer Schule für Alle sind Phasen der selbständigen Eigenarbeit und Zeiten zum Üben rhythmisch über den Tag verteilt. Auch lehrerzentrierter Unterricht hat seine Berechtigung, doch die Eigentätigkeit der SchülerInnen ist Dreh- und Angelpunkt einer neuen Lernkultur. 

Eigentätigkeit

Wie wichtig die Eigentätigkeit der SchülerInnen ist, brachte die Hirnforschung mit ihren bildgebenden Verfahren zu Tage. Das Ergebnis ist eindeutig: Die größten Lernerfolge werden dann erzielt, wenn aktiv, durch eigenes Tun gelernt wird. Das Gehirn bildet oder extrahiert Regeln aus konkreter Erfahrung. ‚Pauken‘ kann solches Erfahrungslernen nicht ersetzen. Die Neurowissenschaftler sind sich daher einig, dass alles daran gesetzt werden muss, die Schüleraktivität zu erhöhen, Kinder und Jugendliche wie Forscher lernen zu lassen. Etwas selber zu erforschen und ein Ergebnis herauszubringen, ist etwas völlig anderes, als dem Lehrer zuzuhören. 

„Gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht verstanden“. Aber wie sieht unser Schulunterricht aus? Frontale Belehrung ist nach wie vor Standard, in einigen Gymnasien zu 100%. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaft und die Erfolge alternativer Schulen werden weitestgehend ignoriert.

Emotionen

Die Neurowissenschaft hat zudem nachgewiesen, dass sich im Gehirn nur dann neue Verbindungen bilden, wenn beim Lernen sogenannte Neurotransmitter (Botenstoffe) ausgeschüttet werden. Das heißt, um nachhaltig zu lernen, braucht es Emotionen. Und wer sich später an Gelerntes erinnert, ruft dabei immer auch die Emotion auf, die mit dem Lernen verbunden war.

Leider herrscht in unseren Schulen mit ihrem Noten- und Selektionskorsett vor allem eine Emotion vor - Angst. Was wir brauchen, sind Freude und Begeisterung.

Lernzieldifferentes Arbeiten

Erfolgreiches Lernen knüpft immer am Vorwissen des Lernenden an. Vom sicheren Standpunkt des schon Bekannten konstruiert das Kind Wissenspfeiler ins Neuland. Es wird das umso erfolgreicher tun, je mutiger es ist. Und das ist der Fall, wenn ihm die Ziele erreichbar erscheinen. Die Ziele richten sich also primär nach dem Kind, nicht nach einem fest stehenden Lehrplan. In Bereichen, in denen das Kind viel weiter denkt, z.B. in Mathematik im Zahlenraum, kann es auch weitergehen. Ein Kind, das länger braucht, darf auch länger brauchen. Es wird die Ziele früher oder später erreichen. Die Erreichbarkeit weckt den Wunsch, tatsächlich ans Ziel zu gelangen. Und die Freude über den Lernerfolg regt zu weiteren Zielen an. Der Erfolg ist also der Impuls für gutes Lernen. Das positive Gefühl „Ich kann das!“ fördert das Selbstbewusstsein, weitere und schwierigere Ziele anzugehen. Gute LehrerInnen sorgen für Erfolgserlebnisse aller ihrer SchülerInnen. In unserem heutigen Schulwesen mit einem starren, für alle gleich lautenden Lehrplan, kann dies selbst den besten LehrerInnen nicht gelingen.

Und der Gleichschritt für alle richtet noch mehr Schaden an, was die Schulleiterin Margret Rasfeld auf den Punkt bringt: "Unser Schulalltag folgt dem heimlichen Lehrplan der Anpassung - >>Tu das, was dir aufgetragen wird.<< So werden die Grundbedingungen für Innovation, nämlich Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, Persönlichkeitsstärke, Mut und maximale Interdisziplinarität nicht nur vernachlässigt, sondern sträflich unterlaufen. Denn so wird ein innovationsfeindlicher Erfüllergeist geprägt."

 

Ganzheitliches Lernen

Bei PISA haben deutsche SchülerInnen nur mittelmäßig abgeschnitten, weil die dort gestellten Aufgaben vom üblichen, in der Schule gewohnten Format abwichen. Vielen fehlte und fehlt die Kompetenz, Wissen in unbekannten Situationen anzuwenden, Probleme zu lösen und schließlich zu handeln. Für die Entwicklung dieser Kompetenzen, die auch von der Wirtschaft weit mehr gefragt sind als reines Faktenwissen, brauchen wir selbstständige Wissensaneignung. Und die Abschaffung des Schulgongs. Die Zerstückelung des Tages in unseren Schulen steht geradezu bildlich für die Zerstückelung des Lernens. Gepaukt werden dort isolierte Einzelteile, die nach Ende der Prüfung meist schnell wieder vergessen sind.

Wenn individuell gelernt wird, macht es keinen Sinn, nach 45 Minuten abzubrechen. SchülerInenn müssen die Möglichkeit haben, sich in Themen zu vertiefen, und zwar genau dann, wenn ihr Interesse dafür gerade sehr hoch ist. Die Verarbeitungstiefe ist entscheidend für nachhaltigen Lernerfolg. 

Aus Individualisierung und Eigenständigkeit entsteht fächerübergreifendes Arbeiten. Eine allgegenwärtige Vernetzung von Themen macht komplexe Zusammenhänge sichtbar. So ist ganzheitliches Lernen möglich.

Mehr zum Thema: WIE KINDER LERNEN von Prof. Angelika Speck-Hamdan

Lernräume

Je individueller der Unterricht abläuft, desto vielseitiger muss der Lernraum sein. Er muss sich gleichzeitig für Einzelarbeit, Partner- und Gruppenarbeit eignen. Wenige Gemeinschaftsschulen haben das Glück, ein neues Schulhaus für neue Lernsituationen zu erhalten mit flexiblen Wänden, um kleine oder große Räume zu installieren. Aber auch in alten Klassenzimmern lassen sich diese Nischen organisieren mit Regalen, Vorhängen, Lernbüros, die aussehen wie kleine Wahlkabinen. In diesen Räumlichkeiten mit Lernmaterialien von Atlas übers Abenteuerbuch bis zum Skelett bewegen sich die Lernenden selbstbewusst und planen und überlegen mit einander. Es entwickelt sich eine rücksichtsvolle Flüsterkultur. In einer Schule für Alle gibt es Mädchen- und Jungenzimmer als Rückzugsräume, Bibliothek, musische und Sporträume. 

Eine alte Schule in Saarbrücken installierte zwischen drei Klassenzimmern den mittleren als Lern- und Rückzugsraum. Er ist von den Klassenzimmern aus direkt erreichbar. Seine Wände zu den beiden anderen Klassenzimmern bestehen in der oberen Hälfte aus Glas. Diese Durchsichtigkeit integriert den Raum in die beiden anderen, und die Lehrpersonen können durch Gesten mit einander kommunizieren.