Lehrer als Lernbegleiter

Selbstverständnis

Das Selbstverständnis von Lehrpersonen an einer Schule für Alle unterscheidet sich vom traditionellen Lehrerbild. Sie sind Lernbegleiter. Sie begegnen den Lernenden auf Augenhöhe und bewegen sich in einem notenfreien Raum. Damit geben sie Machtbefugnisse ab. SchülerInnen werden nicht abgeschoben zum Wiederholen oder zum Verlassen der Schule. LehrerInnen an einer Schule für Alle übernehmen Verantwortung für alle Schüler, und diejenigen mit Lernschwierigkeiten sind eine besondere Herausforderung für die eigene Professionalität. Das heißt natürlich nicht, dass alle SchülerInnen zum Abitur geführt werden können. Aber sie bleiben integriert im Lernprozess, und die Lehrperson versucht sie so weit wie möglich zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten und zu einem individuellen Abschluss zu führen.

Lehrerinnen und Lehrer als Lernbegleiter sind keine Ausführungsorgane von Anweisungen der Kultusbürokratie. Auch deren Selbstverständnis muss sich vollkommen ändern. Die Befehlsgeber-Untertanen-Strukturen haben sich bis heute erhalten: Das Kultusministerium und das Schulamt genehmigen oder verbieten bis in kleinste Angelegenheiten hinein. Eine demokratische Schule braucht aber Autonomie mit selbstverantwortlichen Lehrpersonen. Zukünftige Schulministerien geben nur mehr Rahmenrichtlinien vor, um landesweit gleiche Bildungschancen zu sichern - ein demokratischer Anspruch. Und sie helfen Schulen, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen, durch Bereitstellung von Ressourcen.

Arbeitsbedingungen

Was ist an der Arbeit von Lehrern und allen anderen Pädagogen schön? Das Zusammensein mit Kindern und Jugendlichen, um die Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu erleben, zu beobachten und zu beeinflussen. Bedingungen zu schaffen, in denen Kinder und Jugendliche an ihren Potenzialen arbeiten und sich selbst erleben - das macht das Glück dieser Profession aus. Dann aber kommt das Schwert der Taxierung und zerstört das Arbeitsverhältnis zwischen Lehrern und Schülern - zum Zweck der Einsortierung in das fragwürdige, ja falsche Raster der Ziffernnoten. An diesem Widerspruch, Förderer ihrer SchülerInnen und gleichzeitig ihr Be-/Verurteiler zu sein, scheitern viele Pädagogen und erkranken am Burnout-Syndrom. 

Die gesamten Arbeitsbedingungen werden diktiert von der Leistungsfeststellung, durch die Kindern und Jugendlichen Lebenschancen erteilt oder verwehrt werden. Die Leistungskontrolle und deren Dokumentierung nimmt unverantwortlich viel Zeit und Energie in Anspruch. Auch das Lernen mit den SchülerInnen wird diesem Aspekt untergeordnet. Der Unterricht ist bezogen auf die zu schreibende Klassenarbeit - individuelle Fragestellungen der SchülerInnen spielen keine Rolle mehr - , die Arbeit muss vorbereitet, mit Polizistenaugen gehalten und korrigiert werden. Die Noten, orientiert an einem für alle Schüler gleichen Level, müssen verteidigt werden. 

In einer Schule für Alle dagegen greifen Lernen und Diagnose des Leistungsstandes wie ein Zopf in einander: Lehrender und Lernender sprechen mit einander. Mit Freude über den Lernerfolg und der Suche nach neuen Zielen, und mit Nachdenklichkeit über eine Lernschwäche und der Suche nach neuen Wegen.

Bei Meinungsverschiedenheiten sind die Gespräche entspannt und offen. Mit der „dialogischen Leistungsbewertung“ fällt der riesige Stressfaktor der Notenfeststellung aus der Arbeit der Lehrperson weg. Auch der Zeitaufwand ist geringer, da viele Leistungsfeststellungen in der Schule stattfinden. Es ist wichtig, diesen Gewinn an Zeit und Entspanntheit festzuhalten, da in anderen Bereichen mehr Zeit als in der herkömmlichen Schule investiert wird: in der Vorbereitung des Lernumfeldes und vor allem in Gesprächen mit SchülerInnen und KollegInnen. 

Um individuellen Unterricht zu ermöglichen, sind i.d.R. zwei Pädagogen in jeder Lerngruppe notwendig, die sich um die Vielfalt der Anforderungen kümmern und sich gegenseitig unterstützen.

Teamarbeit

Eine große Veränderung in der Lehrerarbeit ist die Umstellung von Einzelarbeit hinter verschlossenen Türen und allein am häuslichen Schreibtisch zur Teamarbeit mit den KollegInnen im rhythmisierten Ganztag. Eine Schule für Alle basiert auf Teamarbeit. Wenn sich die Anweisungen des Schulministeriums minimieren, sind Verantwortung und damit Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen umso bedeutungsvoller. Die Philosophie einer Schule kann nur vom Kollegium gemeinsam entwickelt werden. Was den LehrerInnen besonders wichtig ist, welche ethischen und sozialen Schwerpunkte sie in ihrer Schule setzen wollen, muss im Team entwickelt werden.

Klassenteams, in denen die LehrerInnen die SchülerInnen von der 1./5. Klasse bis hinauf zu 10. Klasse begleiten, können ihre SchülerInnen wesentlich genauer einschätzen. Die Qualität eines Urteils über Lernen und Verhalten steigt durch den Blick mehrerer Personen auf den Lernenden über so lange Zeit. Urteile, die im Team gefällt werden, besitzen eine höhere Validität als Urteile von Einzelpersonen. Es entsteht Vertrautheit zwischen Lehrenden und Lernenden. Der Lehrerberuf ist vor allem ein Beziehungs- und Kommunikationsberuf. Die Beziehungen zu einer so großen Zahl von SchülerInnen bedürfen der Korrektur von anderen im Team. In einer Schule für Alle arbeiten LehrerInnen mit vielen anderen Pädagogen zusammen, die über spezielle Kompetenzen verfügen: SonderpädagogInnen, die besondere Förderprogramme entwickeln, AssistenzlehrerInnen, die mit Kleingruppen arbeiten, HeilpädagogInnen und LogopädInnen, Lehrpersonen, die sich mehr für pädagogische Fragen interessieren, und solche, die in ihrem Fachbereich hoch kompetent sind, SozialpädagogInnen, PsychologInnen, Studierende und viele mehr. In jeder Klasse sollten zwei Lehrpersonen arbeiten. Wichtig ist, dass alle Lehrpersonen über hohe pädagogische und soziale Kompetenz verfügen. Sie müssen teamfähig sein und die Schule als ihre sehen, für die sie verantwortlich sind. 

Ausbildung und Supervision

Die Ausbildung muss sich endlich an den Erkenntnissen der Neurowissenschaft orientieren. Der inhaltliche Schwerpunkt muss weg vom Faktenwissen zu pädagogisch-psychologischen Kenntnissen verlagert werden. Theorie und Praxis müssen im Studium eng verzahnt (statt in verschiedene Phasen getrennt) sein.

Und natürlich muss es für Lehramtsanwärter verpflichtende Eignungspraktika geben. Ihre pädagogische Begabung muss geprüft werden. Es ist ein Skandal, dass dies nicht schon längst praktiziert wird. Belegen doch unzählige Studien, wie entscheidend der Lehrer/die Lehrerin für den Lernerfolg ist, und dass ohne eine gute Beziehung zu den einzelnen SchülerInnen die Basis fehlt.

In einem Beziehungs- und Kommunikationsberuf ist Supervision besonders wichtig. Hier können unbewusste Prozesse durchleuchtet und hinterfragt werden. In einer urteilsfreien Umgebung wird Verhalten als Sosein einfach angesehen und analysiert.

Traditionell werden SchülerInnen für die Ergebnisse ihrer Leistungen verantwortlich gemacht. Vielen PädagogInnen ist nicht bewusst, dass sie selbst einen großen Teil beitragen, indem sie etwa in ihrer Vermittlungsart am Schüler vorbeireden, ihn in der Tat nicht ansprechen. Oder umgekehrt: Der Schüler aktiviert Momente, die in der Biografie der Lehrperson liegen. Sie werden in der Supervision bewusst gemacht.

In der traditionellen Ausbildung von LehrerInnen spielen Persönlichkeitsbildung und Kommunikationskompetenz  keine Rolle. Fortbildungen zu diesen Themen in Workshops - man kann beides nicht mit Papier und Bleistift lernen, sondern nur durch Erfahrung erleben und reflektieren - machen viele Pädagogen privat auf eigene Kosten. Sie müssten jedoch zentrale Bereiche der Lehrerausbildung sein.

Organisatorischer Aufbau einer Schule für Alle

Es gibt verschiedene Möglichkeiten für die Leitung einer Schule für Alle. So können zwei Personen die Leitung übernehmen: der/die VerwaltungsleiterIn (wirtschaftlich-rechtlich-organisatorischer Bereich) und der/die Pädagogische LeiterIn (inhaltliche Konzeption der Schule). In der Schulversammlung bestimmen zu je einem Drittel LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern über die Geschicke der Schule.

Neben der allgemeinen Lehrerkonferenz gibt es spezielle Fachkonferenzen, in denen die Beteiligten, auch mit Fachleuten von außen, Fachprobleme inhaltlicher und organisatorischer Art besprechen. Ebenso gibt es Elternkonferenzen mit interessenbezogenen Untergruppen. Die Schülervertretung ist demokratisch mit Delegierten, den Klassensprechern, von unten nach oben aufgebaut. An der Spitze steht ein gewähltes Dreierteam. 

Evaluation

Die Qualität einer Schule wird schon durch die ständige Kommunikation der LehrerInnen unter einander, aber auch aller anderen Beteiligten erhöht. Kommunikation und Kooperation fördern Reflexion der eigenen Arbeit und schaffen Synergie-Effekte. Eine Evaluation wird in bestimmten Zeiträumen oder bei aufgetretenen Problemen angesetzt und hilft Betriebsblindheit abzubauen, eingefahrene Abläufe zu überdenken und sich neu zu positionieren. Wichtig ist, dass die Beteiligten die Evaluation selbst wollen und selbst organisieren. Sie rufen Fachleute von außen oder bitten KollegInnen anderer Schulen zu kommen. In Ländern ohne Schulaufsicht ist eine periodisch stattfindende landesweite Evaluation sinnvoll, um den Lehrenden aufzuzeigen, wie weit ihre Schule den nationalen Bildungsstandards entspricht. 

Autonomie

Je mehr eine Schule sich selbst reflektiert, je demokratischer sie aufgebaut ist, desto weniger Kontrolle braucht sie. Im Gegenteil, sie braucht Autonomie. Eine Schule mit einem besonderen Profil braucht LehrerInnen, die hinter der von allen Beteiligten entwickelten Philosophie der Schule stehen und bereit sind, sie in ihrer täglichen Unterrichtspraxis zu verwirklichen. Die Schule muss also das Personal, das sich bewirbt, selbst auswählen können. Dazu und zur allgemeinen Realisierung der Schulphilosophie sind Personal- und Budgethoheit notwendig.