Neue Feedback-Kultur

Individuelles Lernen und Benotung

Dass individuelles Lernen für ihre Kinder besser ist, als im Gleichschritt den Gedanken des Lehrers folgen zu müssen, dieser Aussage stimmt der größte Teil der Eltern zu. Dennoch plädieren nur wenige für die Abschaffung der Noten. Ohne Noten mit Erfolg zu lernen, also einfach aus Interesse lernen zu wollen, erscheint vielen unvorstellbar. Wir sind (fast) alle durch die Notenschule gegangen, und auch unser Arbeitsleben ist durch Leistungsbewertung und Rankings gekennzeichnet. Leistungsgesellschaft und Leistungsbewertung treten als eine logische Einheit auf. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. In der Schule aber haben wir es mit jungen Menschen zu tun, die sich noch in der Entwicklung befinden, die ihre Fähigkeiten erst entfalten. Für diesen Aufbauprozess brauchen sie Ermutigung, Ermutigung, Ermutigung. Sie brauchen keinen Stempel „ungenügend“. Nach einem Lernprozess befinden sie sich schon wieder im Bereich des Genügens. 

Mit der Forderung nach kindgerechtem Unterricht unter Beibehaltung der Ziffernnoten wollen Eltern etwas, was es nicht gibt. Individuelles Lernen schließt Notengebung aus. Denn Noten verlangen gerade gleichschrittiges Lernen, wenn am Tag X alle der gleichen Prüfung unterworfen und an einer gleichen Notennorm gemessen werden. Da gibt es keine individuellen Lernwege mehr, keine individuellen Lernziele, kein individuelles Tempo. Am Tag X ist alles für alle gleich. 

Eine Schule für Alle ist bis zur 9./10. Klasse frei von Ziffernnoten. Bis dahin haben die jungen Menschen ihre Persönlichkeit so weit entwickelt, dass sie sich mit Selbstbewusstsein für Abschlüsse entscheiden können, auch wenn dies zum Teil Paukerei bedeutet. 

Einwand: „Ohne Noten lernen Schüler nicht!“

Alle Kinder wollen lernen. Man bedenke, was Kleinkinder von sich aus vor der Schule lernen: eine Sprache oder zwei, laufen, Mengen, Zeichen, Zusammenhänge, psychologisches Wissen: Wie gehe ich mit Mutter, Vater, Geschwistern um? Gefahren begegnen, Freude machen, teilen, sich durchsetzen, Mut und so weiter. Alle Kinder wollen sich in der Welt und in ihrer Kultur zurecht finden, sie wollen wirksam sein, ihr Leben gestalten, um Zufriedenheit und Glück zu empfinden. Sie wollen ihren Footprint hinterlassen.

Dass Kinder und Jugendliche dennoch null Bock haben können, ist nicht angeboren, sondern Ergebnis von Sozialisationsprozessen. Und es hat in erster Linie mit unserem aktuellen Schulsystem zu tun.

Noten - und was sie anrichten

Noten sind Ursache für die größten Probleme unseres Schulsystems. Sie sind beherrschendes Thema des Schulalltags und stehen einer Reform unserer Lernkultur im Weg.

Noten stellen den Vergleich zwischen Mitschülern ins Zentrum, nicht den Lernfortschritt des Einzelnen:

  • Eine Note beschreibt die Rangfolge in einer Klasse. Der Rangplatz eines Schülers kann in Klasse A ein ganz anderer sein als in Klasse B, weil die Zusammensetzung der Klasse eine andere ist.
  • Auch wenn eine Arbeit entsprechend einem festgelegten Schema korrigiert wird, passt sich der Lehrer unbewusst dem durchschnittlichen Leistungsniveau der Klasse an. Das hat zur Folge, dass eine Zwei in einer schwachen Klasse eine Vier in einer starken Klasse ist.
  • Da Noten Vergleichswerte sind, braucht ein guter Schüler immer auch schlechtere Mitschüler. Somit ist es für SchülerInnen nicht rational zu kooperieren.

Noten sind immer subjektiv:

  • Verschiedene Lehrer beurteilen ein und dieselbe Arbeit verschieden, und zwar in allen Fächern. Bei einer Untersuchung korrigierten 153 Lehrer ein und dieselbe Mathearbeit und verteilten die Noten 1-5. 
  • Im Laufe des Korrigierens ändert sich der Bewertungsmaßstab. Nach der Hälfte wird der Lehrerperson klar, dass die Klassenarbeit sehr schlecht ausfällt, woraufhin er/sie die restlichen Arbeiten tendenziell großzügiger bewertet. Ebenso umgekehrt.
  • Sympathie und Erwartungen des Lehrers wirken sich auf die Benotung aus.

Noten zerstören Lernwillen und Motivation:

  • Obwohl es lernpsycholosgisch vernünftig wäre, dürfen LehrerInnen schwächeren Schülern keine einfachere Aufgabe stellen. Schwächere bekommen somit eine Aufgabe, von der die Lehrperson weiß, dass sie sie nicht lösen können. Anders ausgedrückt: Notengebung zwingt Pädagogen zu unpädagogischem Handeln.

Noten sind rückwärtsgewandt und unlogisch.

Zahlreiche Beispiele für Fehler beim Benoten finden Sie hier.

 

Warum haben wir trotzdem Noten?

Hauptaufgabe der Noten ist Selektion. Alle Schularten müssen mit Kindern bedient werden. Es muss also immer auch schwach eingeschätzte Schüler geben, sonst blieben die Haupt- und Mittelschulen leer. Dennoch stammt ein Großteil der Abiturienten von diesen schwach eingeschätzten Schülern: Fast die Hälfte der Abiturienten kommt nicht vom Gymnasium.

Noten entscheiden: Du musst gehen! Zur Wiederholung oder von der Schule. Du darfst bleiben. Du nicht. Du darfst aufs Gymnasium. Du nicht. Du bekommst die Hochschulreife. Du nicht. Du bekommst eine Eins und du eine Sechs. 

Diese Entscheidungen sind Hoheitsakte, sie widersprechen jeglicher Pädagogik und sind wissenschaftlich nicht haltbar. Denn Noten sind subjektiv und messen falsch, wie unzählige Untersuchungen belegen und wie Lehrer auch wissen.

 

Welche Folgen haben Noten?

Noten diktieren die Unterrichtsmethoden: passiver Einheitsunterricht im Gleichschritt anstelle von aktivem, individuellem und freiem Lernen. Aber Noten richten noch größeren Schaden an. Unser Notensystem produziert viele Verlierer, manche Kinder und Jugendliche werden so gedemütigt, dass sie dauerhaften Schaden davon tragen - „Ich bin eben zu blöd!“. Auch die Wirtschaft mahnt angesichts steigenden Fachkräftemangels einen anderen Umgang mit dem ‚Humankapital‘ in der Schule an.

Noten machen nicht nur individuelles Lernen so gut wie unmöglich, sie machen unser Schulsystem zu einem System der Angst. Schüler haben Angst vor schlechten Noten. Eltern haben Angst vor absinkenden Leistungen ihrer Kinder. Lehrer haben Angst vor den Vorwürfen der Eltern. Alle haben Angst vor der 4. Klasse. Die Kinder schon in der 2. Klasse, wenn sie eine 3 bekommen. „Angstmachen zählt zu den schädlichsten Mitteln der Erziehung. Im Unterricht herrscht es so selbstverständlich, dass es dafür einen eigenen Begriff gibt: Schulangst“, so der Erziehungswissenschaftler Kurt Singer.

Die Hirnforschung bezeichnet Angst als "Gift fürs Lernen" (Manfred Spitzer), denn Gelerntes bleibt immer mit der Emotion verbunden, die mit dem Lernen einherging. Deshalb brauchen wir statt Notendruck Freude und Begeisterung im Unterricht. Und SchülerInnen sollen lernen, sich selbst einzuschätzen, anstatt ständig durch andere bewertet zu werden.

Sitzenbleiben

SchülerInnen ohne Lernerfolg (zweimal Note 5 oder einmal Note 6 und nicht bestandene Nachprüfung) sind gezwungen, die Klasse zu verlassen. Sie müssen das Schuljahr und damit alle Fächer, auch die erfolgreichen, wiederholen. Da sie im Wiederholungsjahr keine besondere Förderung erhalten, pendeln sich ihre Leistungen im Lauf der Zeit wieder auf ihrem alten Niveau ein. Auch die in der alten Klasse verbliebenen SchülerInnen erreichen, nun ohne sogenannte Bremser, keine besseren Leistungen. „Sitzenbleiben ist pädagogisch wirkungslos“, so der Bildungsforscher Klaus Klemm. Den Steuerzahler kostet es jährlich fast eine Milliarde Euro - Geld, das sinnvoller in individuelle Förderung investiert wäre. 

Zudem ist Sitzenbleiben für die Lernenden eine individuelle Demütigung. Sie sehen sich als Versager, die ihr Scheitern selbst verursacht haben. Dass ihre Schwierigkeiten eine Aufforderung an das professionelle Handeln ihrer LehrerInnen wäre, kommt ihnen in unserem selektiven Schulsystem gar nicht in den Sinn. Das Gegenteil ist Realität: Den SchülerInnen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, werden weitere aufgebürdet, indem sie ihre vertraute Klasse oder sogar die Schule verlassen und sich in fremder Umgebung zurechtfinden müssen.

Die meisten anderen Länder kennen ‚Sitzenbleiben‘ gar nicht. In Deutschland wird es am häufigsten in Bayern praktiziert. 

Feedback-Kultur in einer Schule für Alle - motivieren statt bewerten

In einer Schule für Alle haben Bewertungen keine Selektionsfunktion mehr. Wiederholen einer Klasse ist in einem Umfeld flexibler Klassen bzw. Lerngruppen unsinnig. Ebenso Abschulung, d.h. Verlassen einer Schulart auf eine niedrigere, da es nur eine Schulart gibt.

In einer Schule für Alle lernt jedes Kind/jeder Jugendliche in Lerngruppen, jahrgangsübergreifend, mit verschiedenen Themenschwerpunkten, verschiedenen Niveaus und verschiedenen Zeitspannen. Jedes Kind/jeder Jugendliche lernt nach seinem persönlichen Lernplan. Wiederholen ist täglich geübte Praxis und Leistungsschwächen sind Gegenstand gemeinsamer Reflexion zwischen Lernendem und Lehrendem (bei kleinen Kindern auch Eltern). Lernen wird als höchst persönlicher Prozess ernst genommen, den die LehrerInnen begleiten und mit dem Lernenden besprechen. Bei Lernerfolgen, indem sie weitergehende Lernziele ausmachen und bei Lernschwierigkeiten, indem sie deren Ursachen ergründen und einen anderen Lernweg erarbeiten. Lernen und Leistungsfeststellung sind also ein Prozess und ein Gegenstand des Nachdenkens - keine statische Feststellung durch Noten - ständig im Fluss, täglich neu. Was ein Kind heute nicht kann, kann es morgen oder in vierzehn Tagen oder einem halben Jahr, oder es wird ein anderer Lernweg eingeschlagen. Das Erreichen unserer Kulturtechniken ist immer Ziel, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. 

Die Philosophie einer Schule für Alle ist, Fehler und Misserfolge nie zum Gegenstand von Vorwürfen, Demütigungen durch schlechte Noten oder gar Aussonderung zu machen. An diesem Punkt zeigt sich die Kernkompetenz von LehrerInnen: Wie führe ich Lernende zu Lernerfolgen? Darüber nachzudenken steht im Zentrum sinnvoller Lehrerarbeit.

Alternative Leistungseinschätzungen:  

Lerntagebuch/Logbuch, in denen Schülerinnen anhand von Stichwörtern ihren Lernprozess beschreiben: Gegenstand der Unterrichtsstunde, der Lerneinheit, kurze inhaltliche Beschreibung / Wie wurde gearbeitet? / Was war heute mein Beitrag? / Was war neu und wichtig für mich? / Was davon möchte ich behalten bzw. wieder verwenden? / Was davon kann ich getrost vergessen? / Eine Stimmungsäußerung / Was plane ich zu tun? 

Portfolio ist ein Zeugnis, in dem die Produkte der Arbeit für sich selbst sprechen. Der Lernende sammelt im Lauf des Jahres alles, was er in oder außerhalb des Unterrichts angefertigt hat: Aufsätze, Mathematikaufgaben, Bilder, Berichte, eine Aktion im Altenheim, eine CD mit einem selbst komponierten Lied, eine DVD mit einem Auftritt in einem Theaterstück. Diese Sammlung wird kommentiert von Lehrenden, Eltern oder anderen Beteiligten. In einer anderen Art von Portfolio zeigt der Lernende nicht nur die Produkte seiner Arbeit, sondern beschreibt auch den Weg seines Lernens, die Hilfen, die er sich geholt hat, Sackgassen, Schwierigkeiten, mit denen er konfrontiert war, aber auch was erfolgreich und schnell zu bewältigen war. Auch hier Beurteilungen der Lehrenden.

Entwicklungsberichte schreiben die LehrerInnen, im Dialog mit den Lernenden. Sie zeigen den individuellen Lernfortschritt auf und beschreiben konkret erworbene Kompetenzen.

Zielgespräch und Lernvertrag sind zukunftsorientiert. Ausgehend vom Erreichten wird festgehalten, wo die künftigen Schwerpunkte des Lernenden liegen sollen. Das Zielgespräch findet meist zwischen Lehrer und Schüler statt, im Lernvertrag, besonders wenn er am Schluss des Schuljahrs abgeschlossen wird, sind auch die Eltern beteiligt. Sie werden in die Planung des neuen Schuljahres einbezogen. In Schweden, wo es keine Jahreszeugnisse gibt, erarbeitet der Klassenlehrer mit den Berichten der anderen Fachlehrer gemeinsam mit dem Schüler und seinen Eltern einen Lernvertrag für das neue Schuljahr. 

Was unterscheidet Ziffernzeugnisse von der neuen Feedback-Kultur?

Die Kargheit einer Ziffer zeigt die Vielfalt des Lernprozesses, der Fähigkeiten und Kompetenzen nicht auf. Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, beurteilt das Ziffernzeugnis: „Ein Dokument, das viel über die Art und Weise aussagt, wie wir in Bayern mit den Potenzialen junger Menschen umgehen, aber nur wenig über ihre tatsächlichen Fähigkeiten und ihre individuellen Lernfortschritte.“ Und selbst die Wirtschaft kritisiert die mangelnde Aussagekraft von Zeugnissen.

Auch Wortgutachten in der Grundschule sind oft nichts anderes als verbalisierte Ziffernnoten. Häufig werden sie mit Textbausteinen formuliert, die das Kultusministerium vorgibt.

Ziffernnoten sind ein Urteil von außen. Der Lernende hat sie hinzunehmen, in den Prozess der Urteilsfindung ist er nicht involviert. Einsicht in die eigene Lernentwicklung wird ihm vorenthalten. 

Ganz anders in der Kultur des Feedbacks: Der Lernende reflektiert ständig seinen Lernprozess, er ist kein passiv Hinnehmender, sondern trägt Verantwortung für das was er tut. Die Selbstbeurteilung (Selbstevaluation) ist Quelle neuer Lernprozesse und Quelle großen Selbstbewusstseins. 

SchülerInnen einer Schule für Alle können offen sein, freundlich und aufgeweckt. Sie sind nicht damit beschäftigt, Enttäuschungen und Demütigungen durch Noten und verbale Abwertungen verarbeiten zu müssen. Sie müssen sich nicht zurückziehen oder aggressiv  werden, sie müssen nicht den Unterricht stören, es ist ja ihr eigener. In Ländern, in denen Noten keine oder kaum eine Rolle spielen, gibt es kaum Disziplinschwierigkeiten und Lehrer leiden kaum unter Burnout.