Expertenmeinungen

Richard David Precht

Philosoph und Bestsellerautor

Die Anforderungen der zukĂŒnftigen Lebens- und Arbeitswelt verlangen nach kreativen Problemlösern und nicht nach Köpfen, die wie Aktenordner mit totem Wissen gefĂŒllt sind. Doch statt Kinder als individuelle Rennpferde zu behandeln, schulen wir sie zu geduldigen Postpferden, wie der Mathematiker und Managementberater Gunter Dueck anmahnt.

Kinder werden in Deutschland immer noch nach den gleichen Methoden unterrichtet wie vor 50 Jahren. Unsere Schulen bereiten nicht nur schlecht auf das Leben vor, sie zerstören sogar gezielt jene Potenziale an Neugier, BegeisterungsfĂ€higkeit und KreativitĂ€t, die spĂ€ter fĂŒr ein erfĂŒlltes Leben gebraucht werden.

UngezĂ€hlte Bildungsreformen hat die Bundesrepublik bisher erlebt bis hin zu den jĂŒngsten Verfehlungen des Bologna-Prozesses und zur flĂ€chendeckenden Abschaffung des 13. Schuljahres. Das, was heute ansteht, ist keine neue Reform. Unsere Schulen mĂŒssen nicht reformiert werden. Sie mĂŒssen völlig anders werden als bisher. Wir brauchen andere Lehrer, andere Methoden und ein ganz anderes Zusammenleben in der Schule. Mit einem Wort: Wir brauchen keine weitere Bildungsreform, wir brauchen eine Bildungsrevolution!

Margret Rasfeld

Schulleiterin Evang. Gemeinschaftsschule Berlin

Wir haben in der Bildung nicht nur ein quantitatives Problem (ca. 25 Prozent erreichen keine Ausbildungsreife), wir haben ein qualitatives Problem. KreativitÀt lebt von Begeisterung, und Begeisterung entsteht in FreirÀumen offenen Denkens, wenn nicht alles vorherbestimmt ist. KreativitÀt braucht Raum zum Scheitern ohne Beurteilung. Stattdessen herrscht im Schulsystem die totale Orientierung auf Leistung mit stÀndiger Bewertung. Selbst wer im bestehenden System der vorrangigen Wissensvermittlung vermeintlich erfolgreich ist, wird dadurch in der vollen Entfaltung der in ihm schlummernden Potenziale gedeckelt statt zur Exzellenz gebracht.

Wenn der Schulalltag geprĂ€gt ist durch eine Hierarchie von FĂ€chern, zerstĂŒckelt in HĂ€ppchen, wenn KonformitĂ€t höher bewertet wird als HeterogenitĂ€t und Fragmentierung statt InterdisziplinaritĂ€t das Lernen bestimmt, wenn Lehrer den Unterricht vorherplanen mit ArbeitsblĂ€ttern, deren Lösung im Lehrerhandbuch steht, dann folgt das dem heimlichen Lehrplan: „Tu das, was dir aufgetragen wird“. Dann werden Grundbedingungen fĂŒr Innovation, nĂ€mlich Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, PersönlichkeitsstĂ€rke, Mut, maximale InterdisziplinaritĂ€t, nicht nur vernachlĂ€ssigt, sondern strĂ€flich unterlaufen. Denn so wird ein innovationsfeindlicher ErfĂŒllergeist geprĂ€gt.

Eine Gesellschaft hat so viele Talente, wie sie finden will. Das Potenzial einer Gesellschaft ist das Ergebnis der Bereitschaft, die Potenziale, die in allen Menschen vorhanden sind, tatsĂ€chlich wahrzunehmen und ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten. Das Bildungssystem in Deutschland organisiert dagegen das planmĂ€ĂŸige Scheitern. Die frĂŒhe Selektion impliziert und stabilisiert den Defizitblick, auf den Lehrer in unserem derzeitigen System hin ausgebildet werden und ausgerichtet sind. Das Dilemma: Defizitorientierung und Potenzialentfaltungskultur sind zwei unvereinbare Haltungen.

Kurt Singer

Erziehungswissenschaftler

Es gibt Bildungspolitiker, die lassen sich weder von erfolgreichen Schulmodellen beeindrucken noch von Kritik. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer starken Bewegung von unten. Wenn sich BĂŒrgerinitiativen sozial engagierter Lehrer, Eltern, Psychologen und Ärzte, SozialpĂ€dagogen und SchĂŒler solidarisieren, könnten sie die Regierenden aus ihrer GleichgĂŒltigkeit aufschrecken. Viele Eltern passen sich jedoch schlimmen ZustĂ€nden an und betreiben ihre SelbstentmĂŒndigung als BĂŒrger. Aus dieser AutoritĂ€tshörigkeit mĂŒssten Eltern und SchĂŒler heraustreten und sich fĂŒr eine gerechte Schule einsetzen, in der die WĂŒrde jedes einzelnen Kindes geachtet wird. Aber viele nehmen es als unabwendbares Schicksal hin, das ĂŒber Kinder und Eltern hereinbricht. … Eltern, die sich pĂ€dagogisch sachverstĂ€ndig machen und MitgefĂŒhl fĂŒr ihre Kinder aufbringen, könnten SchulalptrĂ€ume verhindern. Sie mĂŒssten mit Zivilcourage Einspruch gegen pĂ€dagogisches und soziales Unrecht in der Schule erheben.

Der Weg, auf dem sich Lernen vollzieht, ist fĂŒr die Entwicklung von Lernmotiven so bedeutsam wie sein Ziel. Wem Schwimmen unter Lebensgefahr beigebracht wird, gewinnt schwerlich Freude am Wasser. Wer in Mathematik stĂŒndlich Angst vor Versagen erlebt, fĂŒrchtet das Fach und den Lehrer. Wer im Englischunterricht blamiert wird, will am liebsten kein Wort mehr sprechen. Wer im Literaturunterricht von abstrakten Analysen gepeinigt wird statt von den lebendigen Inhalten bewegt, verliert die Freude an Literatur. 30 Prozent der SchĂŒler geben an: „Viele Dinge lerne ich einfach auswendig, obwohl ich sie nicht verstehe. Bei manchen FĂ€chern weiß ich nicht, wofĂŒr sie eigentlich gut sind, mit vielen Dingen kann ich im praktischen Leben nichts anfangen.“ Diese SchĂŒler lernen nicht nur nichts, sie lernen Sinnlosigkeit. Das wachsende Desinteresse entfremdet sie dem aktiven Lernen. Sie reagieren nur noch auf Zwang der Eltern und Lehrer.

Zensuren sind immer ungerecht, weil sie nicht dem einzelnen Kind gerecht werden. Was ist das fĂŒr eine Gerechtigkeit: Kinder, die sich schwertun, werden schullebenslang mit schlechten Noten gedemĂŒtigt, weil sie mit ihren geringeren FĂ€higkeiten an anderen gemessen werden. Diese SchĂŒler brĂ€uchten Ermutigung und besondere FĂŒrsorge. Durch die UnpĂ€dagogik von Schulnoten werden sie jedoch in ihrem SelbstwertgefĂŒhl geschĂ€digt und im Lernen zusĂ€tzlich geschwĂ€cht. Die NotenbĂŒrokratie ist ein Unrecht, das vielen SchĂŒlern die Lernmotivation austreibt und sie zu „schlechten SchĂŒlern“ abstempelt; oft fĂŒhlen sie sich dadurch auch als „schlechte Menschen“.

Gerald HĂŒther

Neurowissenschaftler

Viele Kinder fallen durch die Erbsensortieranlage, die unsere Schule geworden ist. Nach wie vor wird Begabung mit einer guten Schulnote verwechselt, nach wie vor stellen wir analytisch-kognitiven FĂ€higkeiten in den Mittelpunkt. Der eigentliche Schatz, den wir fördern mĂŒssten, ist die Begeisterung am eigenen Entdecken und Gestalten, das TĂŒftlertum, die Leidenschaft, sich mit etwas Bestimmten zu beschĂ€ftigen. Man mĂŒsste sich stĂ€rker von den Interessen der SchĂŒler und weniger von kultusministeriellen Vorgaben leiten lassen. Wenn man als Jugendlicher spĂŒrt, was man alles entdecken und gestalten kann, wĂ€chst das BedĂŒrfnis, noch mehr zu entdecken und zu gestalten.

FĂŒr das vergangene Jahrhundert war unser System sicher richtig, aber die Welt ist eben nicht mehr dieselbe. Ich glaube, dass es in sechs Jahren Schule, wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, SchĂŒler durch ein System zu schleusen, wo sie genau das verlieren, was sie fĂŒr ihre Zukunft dringend brauchen: Leidenschaft, Eigenverantwortung und Lust, die Welt gemeinsam zu gestalten.  ganzes Interview lesen

Wer Arzt werden will, muss gut in Mathe sein, nicht in MitgefĂŒhl. Die vorherrschende Auffassung von Begabung und ‚Intelligenz‘ ist nicht nur falsch, sondern auch gefĂ€hrlich. Eltern und Schulen tun zwar alles, um die FĂ€higkeiten unserer Kinder zu fördern. Doch weil unser Schul-  und Bildungssystem immer noch fast ausschließlich auf Wissensvermittlung und Leistung setzt, bringen wir zwar EinserschĂŒler und -studenten hervor, die dann im Berufsleben aber versagen. Auf der Strecke bleiben viele ungenutzte und frustrierte Talente, und diesen Irrweg beschreiten wir schon viel zu lange.

Manfred Spitzer

Neurowissenschaftler

Menschliche Gehirne sind zum Lernen gemacht. Das Gehirn kann gar nicht anders als zu lernen, das macht ihm die allergrĂ¶ĂŸte Freude. Außer man versetzt es ins Koma, macht ihm Angst oder setzt es unter zu starken Druck. Angst ist Gift fĂŒrs Lernen.

Worum wir uns kĂŒmmern mĂŒssen ist, dass das Gehirn in einer guten AtmosphĂ€re lernt, denn die SchĂŒler mĂŒssen in 30 Jahren Probleme lösen, von denen wir heute noch keine Ahnung haben. Da ist doch klar, was sie dabei nicht brauchen können: Angst. Wer unter Angst lernt, der lernt die Angst gleich mit, und das ist ganz dumm.

Wir mĂŒssen dafĂŒr sorgen, dass die Schulen wieder akzeptierte Orte werden, wo Lebensvollzug stattfindet. FĂŒr viele SchĂŒler ist Schule etwas, da geht man hin, schaltet ab, und erst wenn man draußen ist, geht das Leben wieder weit.

Karl Wenzel

Ehem. PrÀsident Bayer. Lehrerverband

Wer Kinder im sensiblen Alter von zehn Jahren nach fragwĂŒrdigen Kriterien aus- und umsortiert, wer Kombiklassen mit nur einer Handvoll zusĂ€tzlicher Lehrerstunden ausstattet, hat von intensiver und individueller Förderung wenig Ahnung. Solange die Grundschulzeit unter dem Diktat der Auslese steht, können Reformen nicht wirklich greifen.

Zeugnisse sollten nicht ĂŒberwertet und in ihrer jetzigen Form möglichst bald abgeschafft werden. Kinder werden krank, Eltern hysterisch, Lehrer verzweifeln an ihrem Beruf. Jedes Jahr wiederholt sich das gleiche Drama und nichts Ă€ndert sich. Zeugnisse sind Instrumentarien eines ĂŒberholten Lern- und Leistungsbegriffes. Die in den Zeugnissen stehenden Ziffernnoten sagen nicht viel ĂŒber den tatsĂ€chlichen Lernfortschritt Heranwachsender aus. Trotzdem entscheiden sie ĂŒber Bildungsbiografien. ZeitgemĂ€ĂŸ wĂ€ren stattdessen individualisierte Lern- und FörderplĂ€ne.

Remo Largo

Kinderarzt und Entwicklungspsychologe

Zu Recht ist die gegliederte Schule umstritten. Sie ist widersinnig, weil sie nicht erreicht, was sie anstrebt, sondern Ungerechtigkeiten schafft. Mit der Dreigliedrigkeit versucht man den Gordischen Knoten der Vielfalt mit zwei Schwerthieben von PrĂŒfungen und Noten zu lösen. Welcher Schulart ein SchĂŒler zugeteilt wird, ist jedoch oft Zufall. Denn die Trennlinien zwischen Gymnasium/Realschule sowie Realschule/Hauptschule sind in jenen Bereichen, in denen sich leistungsmĂ€ĂŸig die meisten SchĂŒler befinden. So bestimmt der Zufall fĂŒr zahlreiche SchĂŒler, ob sie sich links oder rechts von der Trennlinie wiederfinden.

Ungerecht sind Noten auch deshalb, weil sie vorgeben, dass eine prĂ€zise Messung schulischer Leistung möglich sei. In der RealitĂ€t herrscht jedoch eine betrĂ€chtliche WillkĂŒr. Beispielsweise eine PrĂŒfung in Mathematik wurde von 42 verschiedenen Lehrern mit Zensuren von 1 bis 5 bedacht – je nach Bewertung des Lösungsweges. 

Wenn der Unterricht individualisiert wird, wird das bisherige Benotungssystem endgĂŒltig unbrauchbar und muss durch Beurteilungskriterien wie Kompetenzraster oder Portfolio ersetzt werden.

Kurt Singer

Erziehungswissenschaftler

Lernanregende Fragen beziehen sich auf das, was der SchĂŒler wissen möchte, was er weiß oder zu wissen fĂ€hig ist. In vielen Unterrichtsstunden fragt aber der, der die Antwort bereits kennt: der Lehrer. Mit der Inflation von Lehrerfragen gehen Lehrer an der Urszene des Lernens vorbei, an der SchĂŒlerfrage. Wenn sich der Unterricht an SchĂŒlerfragen entzĂŒndet, wird er fĂŒr die Kinder und fĂŒr den Lehrer interessant.

Es gibt viele GrĂŒnde fĂŒr Langeweile im Unterricht. Ein Hauptgrund ist der: SchĂŒler dĂŒrfen sich zu wenig mit Themen auseinandersetzen, die sie herausfordern, Aufgaben, denen sie sich hingeben können, an denen es ihnen möglich ist, etwas von sich selbst zu verwirklichen.

Nicht nur fĂŒr Kinder ist es zermĂŒrbend, uninteressanten Lehrstoff eingetrichtert zu bekommen. Es zermĂŒrbt auch den Lehrer, gegen die Interessenlosigkeit anzukĂ€mpfen. Eine apathisch vor ihnen sitzende Klasse strapaziert die Nervenkraft. Um die SchĂŒler zu disziplinieren, brauchen Lehrer Energie, die dem Unterricht verloren geht. Der aufreibende Kampf gegen das Desinteresse hat Folgen: Lehrer fĂŒhlen sich mĂŒde und erschöpft, werden oft krank. Beide sind geschĂ€digt: Lehrer, weil sie SchĂŒler mit Macht fĂŒr etwas motivieren sollen, was nicht in deren Interessenhorizont liegt: SchĂŒler, weil sie zu LernvorgĂ€ngen gezwungen werden, die nicht ihren entwicklungsgemĂ€ĂŸen AktivitĂ€tswĂŒnschen entsprechen. Die Jugendlichen werden lernverdrossen, die Lehrer lehrverdrossen.

Eine Unterrichtsform, bei der SchĂŒler ihre höchste LebensqualitĂ€t „AktivitĂ€t“ erfahren, ist die Freiarbeit. Sie folgt dem Prinzip, Kindern dabei zu helfen, alles selbst zu tun, was sie selbst tun können. Freiarbeit ermöglicht es, alle Kinder zu aktivieren und auf ihrem unterschiedlichen Leistungsniveau zu fördern. Der Satz „Hilf mir, es selbst zu tun!“ wurde zum Leitmotiv der Montessori-PĂ€dagogik.

Andreas StĂŒwe

1. Vorsitzender EINE SCHULE FÜR ALLE und Rektor an einem sonderpĂ€dagogischen Förderzentrum in MĂŒnchen

In keinem Industrieland ist der Bildungserfolg der SchĂŒlerInnen so abhĂ€ngig von ihrer sozialen Herkunft wie in Deutschland. Viele verbleiben auf einem niedrigen Leistungsniveau, nur wenige erreichen hohe BildungsabschlĂŒsse. Ein enormes Potenzial ist unserer Gesellschaft so bereits verloren gegangen und Unternehmen beklagen den Mangel an FachkrĂ€ften. 

Eltern fliehen aus den öffentlichen Schulen der „Bildungsrepublik“, private Schulen erleben einen beispiellosen Boom. Tiefgreifende Reformen des öffentlichen Schulwesens sind ĂŒberfĂ€llig, um die Entfaltung möglichst aller Ressourcen einer alternden, im globalen Wettbewerb stehenden Gesellschaft zu ermöglichen.

Prof. Dr. Gerald HĂŒther

Neurowissenschaftler

Wir brauchen heute nicht mehr Leute, die nur funktionieren, wie im Industriezeitalter, sondern Leute, die mitdenken und gestalten, und das geht mit der alten Abrichtungsschule nicht mehr.

Wir bilden uns ein, Bildung sei machbar – von außen. Aber hirntechnisch geht das nicht, weil Bildungsprozesse Selbstorganisationsprozesse sind. Die mĂŒssen sich in dem Kind abspielen, dazu braucht das Kind Gelegenheit, sich mit Dingen zu befassen. Da braucht es Zeit, dem Interesse nachzugehen. Wenn dann aber 45 Minuten das eine Fach unterrichtet wird und dann 45 Minuten das andere
 Das kann so auf Dauer nicht gut gehen. 

Wir mĂŒssen uns ĂŒberlegen, was die Aufgabe von Schule wirklich sein soll. Es muss alles daran gemessen werden, ob es in Schulen gelingt, die Entdeckerfreude und Gestaltungslust unserer Kinder am Leben zu halten.

Ursula Leppert

Autorin, ehemalige Lehrerin, Ehrenmitglied von ESfA

Eine Schule fĂŒr Alle muss sich oft den Vorwurf gefallen lassen, sie sei eine Einheitsschule, in der ein Einheitsbrei ĂŒber alle gegossen wird. Gerade das geschieht aber im gegliederten Schulwesen, in dem der Stoff fĂŒr die ganze Klasse der gleiche ist. Wer die Inhalte lĂ€ngst verstanden hat und weiter machen möchte, interessiert im normierten Klassenunterricht ebenso wenig wie derjenige, der noch einige Zeit brĂ€uchte, um zum VerstĂ€ndnis zu gelangen.

Man wird der HeterogenitÀt mit verschiedenen Schultypen nicht gerecht. Das kann nur individueller Unterricht. Und wenn individuell gelernt wird, dann brauchen wir keine Selektion mehr, dann können alle Kinder und Jugendliche gemeinsam in eine Schule gehen. 

Wir könnten endlich auf Noten verzichten, denn die Hauptaufgabe von Noten ist Selektion. Noten entscheiden: Du musst gehen! Zur Wiederholung oder von der Schule. Du darfst bleiben. Du nicht. Du darfst aufs Gymnasium. Du nicht. Du bekommst die Hochschulreife. Du nicht. Du bekommst eine Eins und du eine Sechs. 

Diese Entscheidungen sind Hoheitsakte, sie widersprechen jeglicher PÀdagogik und sind wissenschaftlich nicht haltbar. Denn Noten sind subjektiv und messen falsch, wie unzÀhlige Untersuchungen belegen und wie Lehrer auch wissen.

Elsbeth Stern

Bildungswissenschaftlerin

Unsere Schule ist sehr stark leistungsorientiert, aber zu wenig lernorientiert. Leistungsorientierung heißt: Wie kriege ich meinen Abschluss mit guten Noten? Lernorientiert heißt: Habe ich die Mathematik wirklich verstanden?

Es ist eine völlig falsche Vorstellung, dass die begabteren SchĂŒler am besten lernen, wenn sie nur unter ihresgleichen sind. Also diese Vorstellung, dass man fĂŒr jeden SchĂŒler den richtigen Platz hat, auf den er auf Dauer hingehört, die ist so absurd, die lĂ€sst sich ĂŒberhaupt nicht rechtfertigen.

Sobald die Aufgaben, das hat PISA zutage gebracht, von dem ĂŒblichen Format in der Schule abweichen, können viele deutsche SchĂŒler die Aufgabe nicht mehr lösen, denn ihr Lernen war immer nur auf eine bestimmte Anforderung in der Schule zugeschnitten.

Royston Maldoom

Choreograph (u.a. Rhythm Is It!)

Selbst in Unternehmen und deren Vorstandsetagen beginnt man sich allmĂ€hlich zu fragen, ob die Konkurrenz die wichtigste Voraussetzung fĂŒr Erfolg ist – und man beschĂ€ftigt sich zunehmend mit der Rolle von KreativitĂ€t, Verhandlungsbereitschaft und partnerschaftlichem Denken.

Ich genieße den Augenblick nach einer Vorstellung, wenn ein Lehrer oder ein Elternteil sagt: ‚Ich hĂ€tte nie gedacht, dass mein Kind (oder mein SchĂŒler) solche FĂ€higkeiten hat.‘ Dann darf ich antworten: ‚Nun wissen Sie, was das eigentliche Problem ist.“

Hans BrĂŒgelmann

Erziehungswissenschaftler

Das Notensystem erzwingt, dass es Verlierer gibt. Einige SchĂŒler werden sogar derart verletzt, dass sie dauerhaft leiden. Aber auch viele der Leistungsstarken machen sich von Noten abhĂ€ngig und der Inhalt verliert an Relevanz. Wir wollen doch eigentlich SchĂŒler, die sich auch dann fĂŒr Inhalte interessieren, wenn der Lehrer nicht mit Zuckerbrot und Peitsche daneben steht.

Wir sollten aus dem Gleichschritt ausbrechen und RĂ€ume eröffnen, damit SchĂŒler ihre individuellen Interessen und FĂ€higkeiten entwickeln können. Das bedeutet: Es mĂŒssen nicht alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen.

Angelika Speck-Hamdan

Professorin fĂŒr GrundschulpĂ€dagogik

Kinder und Jugendliche sind mit dem BedĂŒrfnis ausgestattet, die Welt und alles, was darin ist, zu verstehen, um darin erfolgreich handeln zu können. Nicht alle GegenstĂ€nde erschließen sich von selbst; die allermeisten bedĂŒrfen der Vermittlung. Dazu bedarf es der Kommunikation. Wer die Welt erfahren will, muss Fragen stellen und sich auf  Kommunikation einlassen. Dies ist die wichtigste Aufgabe der Lehrenden: sie mĂŒssen die Kommunikation so gestalten, dass die Lernenden in ihren individuellen Lernprozessen unterstĂŒtzt werden.

Das Lernen können sie den Lernenden nicht abnehmen, sie können es jedoch anregen und dabei behilflich sein. Außerdem können sie die Kontexte, in denen Lernerfahrungen gesammelt werden, beeinflussen. Eine positive AtmosphĂ€re, in der Lernende sich ernst genommen fĂŒhlen und in der das Lernen Freude macht, wirkt mit Sicherheit stimulierend.

Andreas Schleicher

PISA-Korrdinator OECD

Die Frage ist, wie können wir Menschen mit der Motivation und der FÀhigkeit ausstatten, sich selber ihren eigenen Lern- und Lebensweg zu gestalten, also autonom zu handeln. Das zeichnet die Wissensgesellschaft aus. Das Schlimmste, was wir im Bildungssystem machen können, ist Menschen ihre Perspektive zu nehmen. 

Die SelektivitĂ€t des Schulsystems ist ein Indikator fĂŒr Misstrauen. Die mangelnden FreirĂ€ume fĂŒr Schule sind ein anderes Zeichen fĂŒr Misstrauen. In Finnland hat man sich gesagt, wir werden den sich so rapide Ă€ndernden Anforderungen der Gesellschaft nicht gerecht, wenn wir das zentral regeln. Sie haben gesagt, die Verantwortung fĂŒr die Ergebnisse liegt bei den Schulen. Im Ergebnis liegen in Finnland zwischen den Schulen nur etwa 7% der Leistungsunterschiede, in Deutschland aber 70% (Anm.: Spitzenreiter bei PISA = Finnland). Das heißt, man hat bei uns mit dieser SelektivitĂ€t, mit den Kontrollmechanismen das Problem nicht in den Griff bekommen und wird es damit auch nicht in den Griff bekommen. Die Herausforderung heißt: Wie können wir Vertrauen an die Handelnden geben?

Peter HĂŒbner

Architekt

Lernlandschaften gelingen, wenn endlich die Erfahrungen und Erkenntnisse der PĂ€dagogen und die Ergebnisse der Hirnforschung und anderer Wissenschaften Grundlage fĂŒr architektonische Planung werden und nicht mehr die veralteten Schulbaurichtlinien. Es entstehen immer noch Schulen als Reihung starrer Klassenzimmer an langen Fluren. Die Architektur darf nicht stören. Denn wo man sich wohl fĂŒhlt, lernt man besser und leistet auch mehr. Und genau in dieser Reihenfolge.

Gele NeubÀcker

Vorsitzende GEW in Bayern

Einer Gruppe von britischen WissenschaftlerInnen um die Hirnforscherin Cathy Price ist der Nachweis gelungen, dass sich Intelligenz ‚dynamisch‘ entwickelt und sich mindestens bis zur PubertĂ€t verĂ€ndern kann. Damit gibt es nun ein bahnbrechendes Argument aus der Neurowissenschaft gegen die Zuordnung 9- bis 10-jĂ€hriger Kinder zu Schularten, wie sie in dieser Form nur noch in Bayern praktiziert wird, also ein weiteres Argument fĂŒr eine gemeinsame Schulzeit mindestens bis zum Ende der PubertĂ€t.

Otto Herz

Diplompsychologe und ReformpÀdagoge

Die Zukunft der Welt braucht eine Schule, in der die Vielfalt der Kulturen wahrlich zuhause ist. Zum Verstehen der und zur VerstĂ€ndigung zwischen den Kulturen – kein wertvollerer Auftrag fĂŒr jede Schule. Versagt eine Schule vor diesem Anspruch, versagt sie vor der Zukunft der Welt.