Gute Schule braucht Zeit, Menschen – und politische Verantwortung

    Warum Lernen wieder ins Zentrum rücken muss

    Seit Jahren wird über Schule gesprochen – über Lehrpläne, Prüfungen, Zuständigkeiten. Doch eine zentrale Frage wird dabei immer wieder umgangen: Kommt Lernen für Kinder und Jugendliche im Schulalltag überhaupt noch zuverlässig vor?

    Gerade in Bayern zeigt sich immer deutlicher: Das System verwaltet Mangel – und überlässt die Folgen den Kindern.

    Unterrichtsausfall ist kein Ausnahmezustand mehr

    Unterrichtsausfall gehört längst zum Alltag vieler Schulen. Bundesweit fehlen laut Bildungsberichten jedes Jahr mehrere Millionen Unterrichtsstunden. Auch in Bayern ist der Lehrkräftemangel strukturell: Tausende Stellen sind unbesetzt, Vertretungsreserven reichen nicht aus, Unterricht fällt aus oder wird beaufsichtigt statt gestaltet.

    Die Kultusministerkonferenz weist seit Jahren auf einen wachsenden Lehrkräftebedarf hin – insbesondere an Grundschulen. Für die kommenden Jahre wird bundesweit ein Mangel von mehreren zehntausend Lehrkräften prognostiziert. Bayern ist davon ausdrücklich betroffen.

    Was das konkret bedeutet:

    • Kinder sitzen im Klassenzimmer – ohne Lernimpuls
    • Zeit wird verwaltet, nicht genutzt
    • Bildungsungleichheit verschärft sich systematisch

    Unterrichtsausfall ist kein organisatorisches Problem.
    Er ist ein pädagogisches Versagen auf politischer Ebene.

    Wer Ausfall hinnimmt, nimmt Lernverlust in Kauf

    Politisch wird Unterrichtsausfall häufig verharmlost. Doch jede nicht gestaltete Stunde ist eine verlorene Lerngelegenheit – besonders für Kinder, die zu Hause keine Unterstützung, keine Nachhilfe und keine zusätzlichen Bildungsressourcen haben.

    Die Ergebnisse der letzten Jahre sind eindeutig:

    • sinkende Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen
    • wachsende Abhängigkeit vom Elternhaus
    • steigende Zahlen von Schüler*innen ohne Schulabschluss

    Gleichzeitig hält Bayern an früher Selektion, hohem Notendruck und einem stark sortierenden System fest.
    Ein System, das Zeit für Lernen kürzt, während es über Leistung klagt, produziert seine Probleme selbst.

    Gute Lernkultur entsteht nicht durch Stoffpläne

    Gute Schule bedeutet mehr als das Abarbeiten von Lehrplänen. Sie entsteht dort, wo Kinder:

    • Zusammenhänge verstehen
    • Fragen stellen dürfen
    • erleben, dass Lernen etwas mit ihrem Leben zu tun hat
    • sich als wirksam erleben

    Selbstwirksamkeit ist kein „Soft Skill“. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für Lernen. Wer nie erlebt, dass eigenes Denken zählt, verliert Motivation – unabhängig von Begabung.

    Doch genau diese Lernkultur braucht Zeit, Beziehung und echte Lernanlässe. Drei Dinge, die im derzeitigen System systematisch unter Druck stehen.

    Lebenswissen gehört nicht an den Rand, sondern ins Zentrum von Schule

    Viele Themen, die junge Menschen konkret betreffen, kommen im Schulalltag kaum vor oder werden an den Rand gedrängt:
    Medienkompetenz, Gesundheit, Umgang mit Geld, berufliche Orientierung, gesellschaftliche Verantwortung, Resilienz.

    Dabei sind es genau diese Themen, die Orientierung geben – gerade in einer komplexen, unsicheren Welt.

    Wenn Menschen mit echter Fach- und Lebenserfahrung in Schulen kommen, verändert sich Lernen:

    • Wissen wird greifbar
    • Berufe werden vorstellbar
    • Lernen bekommt Sinn

    Solche Begegnungen sind kein „Nice-to-have“, sondern ein notwendiger Bestandteil zeitgemäßer Bildung.

    Unterrichtsausfall kann Lernzeit sein – wenn Politik es zulässt

    Vertretungsstunden und Unterrichtsausfall müssen kein Leerlauf sein. Sie könnten bewusst genutzte Lernzeiten sein: für Projekte, für Lebenswissen, für Begegnung, für Orientierung.

    Doch dafür braucht es politische Entscheidungen:

    • Öffnung von Schule für externe Expertise
    • Anerkennung von Bildungsangeboten jenseits des klassischen Fachunterrichts
    • Abkehr von der Illusion, dass Lernen ausschließlich durch Stoffvermittlung entsteht

    Solange Schulen auf sich allein gestellt bleiben, werden sie Mangel verwalten – nicht überwinden.

    Eine Antwort aus der Praxis – auf ein politisches Versäumnis

    Initiativen wie LifeTeachUs entstehen nicht zufällig. Sie sind eine direkte Reaktion auf ein Bildungssystem, das zu wenig Raum für echtes Lernen lässt.

    LifeTeachUs bringt qualifizierte ehrenamtliche Expert*innen aus unterschiedlichen Lebens- und Berufsfeldern in Schulen – genau dort, wo Unterricht ausfällt oder sinnvoll ergänzt werden soll.
    Nicht als Ersatz für Lehrkräfte, sondern als konsequente Ergänzung einer lernenden Schule, die Kinder ernst nimmt.

    LifeTeacher kommen sowohl in Vertretungssituationen als auch gezielt im Fachunterricht, bei Projekttagen, in Berufsorientierungswochen oder thematischen Unterrichtsreihen zum Einsatz. Sie verstärken das, was Schule leisten will – mit Praxisnähe, Lebenswissen und persönlichen Erfahrungen.

    👉 Mehr Informationen:

    Dass solche Modelle notwendig sind, ist kein Erfolg des Systems –
    sondern ein Hinweis auf seine strukturellen Defizite.

    Lernen braucht einen politischen Kurswechsel

    Wenn wir es ernst meinen mit Bildungsgerechtigkeit, dürfen wir nicht länger so tun, als sei Unterrichtsausfall unvermeidlich und Lernkultur Privatsache einzelner engagierter Schulen.

    Gute Schule braucht:

    • Zeit für Lernen
    • Vertrauen in Vielfalt
    • Öffnung für Lebenswissen
    • politische Verantwortung statt Verwaltung des Mangels

    Solange Bayern an früher Selektion, Notenfixierung und geschlossenen Systemen festhält, werden Initiativen die Lücken füllen müssen, die Politik offenlässt.

    Das eigentliche Ziel aber bleibt:
    Ein Bildungssystem, das Lernen ermöglicht – statt es zu verhindern.

    Quellen & weiterführende Informationen

    1. Kultusministerkonferenz (KMK) – Lehrkräftebedarfsprognosen
      https://www.kmk.org/dokumentation-statistik/statistik/schulstatistik/lehrkraefteeinstellungsbedarf-und-angebot.html
    2. IQB-Bildungstrend – Kompetenzen in Lesen, Schreiben, Rechnen
      https://www.iqb.hu-berlin.de/bt
    3. Bertelsmann Stiftung – Die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit in der Schule / Ein Thema für die Lehrkräfteausbildung
      https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/PicturePark/2022-12/Re-Produktion_sozialer_Ungleichheit.pdf
    4. BLLV – Lehrkräftemangel ist real und strukturell:
      https://www.bllv.de/themen/lehrkraeftemangel

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