Schule ohne Leistungsdruck – wie Lernen und Persönlichkeitsentwicklung wieder in den Mittelpunkt rücken kann

    Ein Beitrag von Christina Schweiger

    Viele Kinder und Jugendliche erleben Schule heute nicht als Ort des Lernens, sondern als Ort des Funktionierens. Leistungsdruck, Angst vor dem Versagen, psychosomatische Beschwerden und Erschöpfung gehören für viele längst zum Schulalltag. Dabei ist das kein individuelles Problem einzelner Schüler*innen, sondern ein strukturelles. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie machen Kinder Schule besser mit?

    Sondern: Wie muss Schule gestaltet sein, damit Lernen ohne Druck möglich wird und Entwicklungsraum gegeben ist?

    Wo Leistungsdruck im Schulalltag entsteht

    Leistungsdruck entsteht nicht zufällig. Er ist das Ergebnis bestimmter schulischer Strukturen und Routinen. Dazu gehören vor allem permanente Bewertungen, häufige Tests, Zeitdruck, Vergleiche zwischen Schüler*innen und frühe Entscheidungen über Bildungswege. Lernen wird dabei eng an Leistungsmessung gekoppelt. Wer nicht mithält, gerät schnell in eine Abwärtsspirale aus Angst, Stress und Selbstzweifeln.

    Besonders problematisch ist, dass Schule häufig im Gleichschritt organisiert ist. Alle sollen zur gleichen Zeit dasselbe lernen, unabhängig von individuellen Voraussetzungen, Interessen oder Lerntempi. Abweichungen gelten schnell als Defizit – und nicht als normale Vielfalt.

    Bewertung neu denken: Rückmeldung statt Dauerprüfung

    Ein zentraler Hebel zur Reduktion von Leistungsdruck ist die Art der Leistungsbewertung. Noten und Tests stehen derzeit oft im Mittelpunkt schulischen Handelns. Sie dienen weniger der Förderung als der Sortierung.

    Stattdessen braucht es Formen der Rückmeldung, die Lernen begleiten und unterstützen. Lernentwicklungsberichte, Portfolios, regelmäßige Gespräche und kreative Übungen zur Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit oder formatives Feedback geben Orientierung, ohne zu beschämen. Sie beantworten nicht die Frage „Wie gut bist du?“, sondern „Wo stehst du gerade – und was ist dein nächster Schritt?“

    Lernen braucht Rückmeldung. Es braucht keine dauerhafte Sanktion.

    Zeitdruck reduzieren – Tiefe statt Tempo ermöglichen

    Ein weiterer großer Stressfaktor ist der ständige Zeitdruck. Der Lehrplan ist voll, die Taktung eng, das Gefühl des Hinterherhetzens allgegenwärtig. Für echtes Verstehen bleibt oft zu wenig Raum.

    Wenn Lernen gelingen soll, braucht es Zeit: Zeit zum Nachfragen, zum Üben, zum Nachdenken, zum Wiederholen. Auch praktisches Ausprobieren im Sinne der ästhetischen Bildung ist ein wichtiger Punkt. Weniger Stoff, dafür mehr Tiefe, entlastet nicht nur Schüler*innen, sondern auch Lehrkräfte. Lernen ist kein Wettlauf – und Verstehen lässt sich nicht beschleunigen.

    Eine neue Fehlerkultur: Lernen braucht Sicherheit

    In vielen Klassenzimmern wird Fehlervermeidung zur Überlebensstrategie. Wer Fehler macht, riskiert Bloßstellung oder schlechte Noten. Das führt dazu, dass Kinder sich zurückziehen, schweigen oder nur noch auf „richtige“ Antworten setzen.

    Dabei sind Fehler ein zentraler Bestandteil jedes Lernprozesses. Fehlerfreundlichkeit ist der Schlüssel zur Bildung von Resilienz und zur Persönlichkeitsentwicklung. Wenn Fehler als natürliche Zwischenschritte anerkannt werden, wandelt sich Angst in Neugier und Kinder lernen, Risiken einzugehen, Hypothesen zu prüfen und flexibel zu reagieren. Schüler*innen sehen Irrtümer nicht mehr als Scheitern, sondern als Hinweise auf neue Wege. Sie erleben, dass sie aus Fehlern lernen können und dennoch kompetent handeln.

    Eine lernförderliche Schule macht Fehler sichtbar, besprechbar und nutzbar. Sie schafft eine Atmosphäre, in der Irrtümer nicht peinlich sind, sondern produktiv. Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder sich etwas zutrauen – und genau daraus entsteht Lernen.

    Individualisierung statt Gleichschritt

    Kinder lernen unterschiedlich. Das ist keine Störung, sondern eine Tatsache. Jede*r hat eine eigene Geschichte und eine eigene Identität, welche es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem ist Schule häufig so organisiert, als wären alle Lernenden gleich. Das erzeugt automatisch Druck – für die, die nicht mithalten können, ebenso wie für die, die unterfordert sind.

    Individualisierung bedeutet nicht, jede*r lernt allein. Es bedeutet, unterschiedliche Wege, Tempi und Zugänge zuzulassen. Wahlmöglichkeiten, differenzierte Aufgabenformate und projektorientiertes Lernen geben Kindern mehr Passung und entlasten sie emotional. Wer sich gesehen fühlt, lernt entspannter. Mit kreativen Übungen in kurzen Pausen, beispielsweise zum Thema Identität, können die Kinder dabei unterstützt werden.

    Beziehung als Grundlage von Lernen

    Ohne Beziehung kein Lernen. Zahlreiche Studien zeigen, wie entscheidend tragfähige Beziehungen für Motivation, Selbstvertrauen und Lernbereitschaft sind. Kinder lernen besser, wenn sie sich angenommen fühlen – unabhängig von ihrer Leistung.

    Das setzt stabile Bezugspersonen, Zeit für Gespräche und echtes Interesse an der Person voraus. Beispielsweise ist das Ermöglichen des kreativen Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit mit verschiedenen Materialien von großer Bedeutung. Damit erhalten die Schülerinnen und Schüler eine Chance sich zu spüren und zu zeigen und Beziehung aufzubauen. Schule darf nicht nur Stoff vermitteln, sie muss Beziehung ermöglichen. Wo Vertrauen wächst, sinkt der Druck.

    Mitbestimmung und Kreatives Denken stärken Selbstwirksamkeit und Resilienz

     Leistungsdruck entsteht auch dort, wo Kinder keinerlei Einfluss auf ihren Schulalltag haben. Wenn Lernen vollständig fremdbestimmt ist, bleibt wenig Raum für Eigenverantwortung und Motivation.

    Mitbestimmung – etwa bei Themen, Lernformaten oder Projekten – stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Wer mitentscheiden darf, erlebt Schule nicht als Zwang, sondern als gestaltbaren Raum. Autonomie ist ein wirksamer Schutzfaktor gegen Stress.

    In Schule und anderen Lernumgebungen steigt der Bedarf, Kinder zu unterstützen, eigenständige Lösungswege zu finden und Herausforderungen gelassener zu bewältigen. Zwei zentrale Ansätze helfen dabei, Mitbestimmung und kreatives Denken. Mitbestimmung macht Kinder zu Akteuren statt Passivempfängern. Sie erleben, dass ihre Ideen zählen und Folgen haben. Kreatives Denken eröffnet vielfältige Lösungswege statt einer einzigen richtigen Antwort und fördert somit flexible Problemlösungen. Zusammen erhöhen sie die Selbstwirksamkeit, bauen Resilienz auf und steigern die Freude am Lernen.

    Lernen passiert, wenn ich Selbstwirksamkeit, ganz ohne Leistungsdruck, in meinem Innersten spüren darf. Der freundliche Umgang mit Fehlern lässt Resilienz sanft und unaufhaltsam aufblühen. Christina Schweiger

    Der Raum als stiller Mitspieler

    Auch die Lernumgebung beeinflusst, wie Lernen erlebt wird. Enge, starre Klassenräume mit Frontalanordnung fördern Unruhe und Druck. Flexible Räume mit Rückzugsmöglichkeiten, Arbeitszonen, ruhigen Bereichen und kleinen selbstgestalteten Ecken unterstützen Konzentration und Wohlbefinden.

    Der Raum wirkt mit – ob bewusst oder unbewusst. Er kann Stress verstärken oder Sicherheit geben.

    Was sich auf Systemebene ändern muss

    So wichtig pädagogische Ansätze sind: Leistungsdruck lässt sich nicht allein im Klassenzimmer abschaffen. Solange frühe Selektion, Sitzenbleiben, standardisierte Vergleichsprüfungen und ein stark leistungsorientiertes Übergangssystem bestehen, bleibt der Druck bestehen.

    Eine Schule, die Lernen ernst nimmt, braucht strukturelle Veränderungen: spätere Entscheidungen über Bildungswege, andere Formen der Leistungsrückmeldung, multiprofessionelle Teams und mehr Zeit für pädagogische Arbeit. Druck ist kein individuelles Versagen – er ist systemisch erzeugt.

    Fazit: Lernen braucht andere Bedingungen

    Schule wird dann wieder zum Lernort, wenn Lernen und Persönlichkeitsentwicklung wichtiger ist als Bewerten, Zeit wichtiger als Tempo, Beziehung wichtiger als Stoff und das Kind wichtiger als die Note.

    Leistungsdruck ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen – und kann durch andere Entscheidungen reduziert werden. Eine Schule, die psychische Gesundheit schützt, schützt damit auch die Zukunft unserer Gesellschaft.

    Über die Autorin:

    Christina Schweiger arbeitet als Kreativpädagogin und sammelte über 2 Jahrzehnte Berufserfahrung in der Kursleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg. Dort verwirklichte sie unter anderem Kreativprojekte für die Öffentlichkeit zum Thema Inklusion.

    Autorin des Buchs „20 kreativpädagogische Projekte mit Ton – ästhetische Bildung in der pädagogischen Arbeit und im Coaching“

    Mehr Infos und einen Blick ins Buch hier.