Bildungswende Jetzt ist keine neue Idee
    Warum die Forderung nach einer Bildungswende weiter gehen muss als Appelle an Leistung

    Replik/Leserbrief auf den Gastbeitrag von Klaus Zierer und Thomas Gottfried: https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/augsburger-schulpaedagoge-diese-vier-punkte-muessen-sich-im-bildungssystem-aendern-113096045 und Hinweis auf die Initiative Bildungswende Jetzt

    Sehr geehrte Redaktion,

    sehr geehrte Damen und Herren,

    zunächst möchte ich den Gastbeitrag von Klaus Zierer und Thomas Gottfried ausdrücklich begrüßen. Die Diagnose, dass das bayerische Bildungssystem vor tiefgreifenden Problemen steht und dass ein bloßes „Weiter so“ nicht ausreicht, ist richtig und überfällig. Dass die Autoren den Begriff der Bildungswende Jetzt verwenden, ist dabei besonders bemerkenswert – und kein Zufall.

    Denn dieser Begriff stammt nicht aus dem aktuellen Diskurs, sondern ist seit Jahren Kernanliegen der bundesweiten Bewegung Bildungswende Jetzt. Bereits 2023 richtete diese Initiative einen offenen Brief mit umfassenden Forderungen an den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz, an die Bundespräsidentinnen sowie an die Kultusministerinnen aller 16 Bundesländer. Über 200 Organisationen schlossen sich damals bundesweit an, darunter knapp 50 (!) aus Bayern. Am 23.9.2023 gingen über 25.000 Menschen bundesweit auf die Straße, um diese Bildungswende Jetzt einzufordern. Zuletzt richtete die Initiative erneut einen offenen Brief an den amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz sowie an die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien. Die Bildungswende ist keine neue Idee, sondern eine seit Jahren breit getragene gesellschaftliche Forderung, die auch in Bayern kontinuierlich eingefordert wird.

    Inhaltlich sind viele der von Zierer und Gottfried formulierten Eckpunkte daher grundsätzlich zu unterstützen. Gleichzeitig bleibt eine zentrale Sorge: Die Autoren scheinen einen verkürzten Begriff von Anstrengung, Motivation und Leistungsbereitschaft zugrunde zu legen. Anstrengung entsteht nicht durch Druck, Motivation nicht durch Angst, und Leistungsbereitschaft nicht durch permanente Bewertung. Wer Qualität im (bayrischen) Bildungssystem will, muss sich ehrlich mit den Bedingungen auseinandersetzen, unter denen Lernen tatsächlich gelingt.

    Wenn von „Qualität vor Quantität“ die Rede ist, braucht es eine echte Veränderung der Lehr- und Lernkultur. Oder, wie es der langjährige Schulleiter der Alemannenschule, Stefan Ruppaner, pointiert formuliert: „Unterricht ist aller Übel Anfang.“ Gemeint ist damit nicht Lernen an sich, sondern ein Unterrichtsverständnis, das auf vollgestopften Lehrplänen, Zeitdruck, Lernen im Gleichschritt und einer Vielzahl an Tests basiert. Diese dienen häufig weniger der Förderung einzelner Schüler*innen als der Selektion – insbesondere durch die viel zu frühe Aufteilung der Kinder nach der 4. Klasse.

    Vor diesem Hintergrund ist die Debatte, ob Tablets ab der 5. oder erst ab der 8. Jahrgangsstufe eingesetzt werden sollen, zweitrangig. Schlechter Unterricht bleibt schlechter Unterricht – mit oder ohne digitale Endgeräte.

    Auch die Forderung nach einer Demokratisierung von Schule ist grundsätzlich zu begrüßen. Was jedoch weitgehend ungesagt bleibt, ist die Frage nach echter Beteiligung von Schüler*innen. Demokratie lässt sich nicht in einer Verfassungsviertelstunde erlernen, und Mitbestimmung erschöpft sich nicht darin, dass Klassensprecher*innen über den nächsten Ausflugsort entscheiden dürfen. Wenn Lernen primär fremdbestimmt ist, bleibt wenig Raum für Eigenverantwortung, Motivation und Selbstwirksamkeit. Mitbestimmung bei Themen, Lernformaten oder Projekten hingegen stärkt Autonomie – und ist ein wirksamer Schutzfaktor gegen Stress und psychische Belastungen.

    Bereits 2023 forderte Bildungswende Jetzt deshalb unter anderem eine umfassende Ausbildungsoffensive für Lehrkräfte und Erzieher*innen, einen Staatsvertrag zur Lehrkräftebildung, neue Wege ins Lehramt, eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis sowie attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. Ebenso zentral sind die verbindliche Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), diskriminierungskritisch überarbeitete Lehrpläne, alternative Formen der Leistungsbewertung, multiprofessionelle Teams und eine nachhaltige, langfristig gedachte und inklusive Schulentwicklung.

    Kritisch zu betrachten ist schließlich der vierte Punkt des Gastbeitrags. Zwar ist die Kritik an der Engführung auf das Gymnasium berechtigt, doch das eigentliche Grundübel der Bildungsungerechtigkeit bleibt unerwähnt: die frühe Selektion nach der 4. Klasse. Der Bildungsforscher John Hattie bezeichnet das deutsche Schulsystem nicht ohne Grund als eines der ungerechtesten weltweit. Die frühe Trennung nach Schularten vergeudet Potenziale, verstärkt soziale Ungleichheit und verhindert gemeinsames Lernen. Hattie kritisiert die „heilige Kuh“ der Leistungshomogenität und fordert eine gemeinsame Schule für alle, die professionell mit Heterogenität umgehen kann.

    Wenn wir es also ernst meinen mit einer Bildungswende, dann dürfen wir nicht bei Symptomen stehen bleiben. Leistungsdruck, Motivationsprobleme und Bildungsungleichheit sind keine pädagogischen Randphänomene, sondern direkte Folgen eines Systems, das zu früh sortiert, zu viel vergleicht und zu wenig fördert. Wer Anstrengung einfordert, ohne die strukturellen Bedingungen von Lernen zu verändern, verkennt Ursache und Wirkung.

    Genau deshalb gibt es das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern. Es setzt sich für die Einführung einer zusätzlichen Schulart in Bayern ein: der Gemeinschaftsschule. Nicht als ideologisches Gegenmodell, sondern als notwendige strukturelle Antwort auf ein System, das vielen Kindern nicht gerecht wird. Die Gemeinschaftsschule steht für längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderung statt früher Selektion, ein verändertes Verständnis von Leistung und eine Schule, die Inklusion, Mitbestimmung und Beziehung nicht als Zusatz, sondern als Grundlage begreift.

    Eine solche Schule ist kein pädagogisches Experiment, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Denn eine Gesellschaft, die Kinder früh trennt, nach Herkunft sortiert und unter permanenten Leistungsdruck setzt, darf sich über wachsende Ungleichheit, Entfremdung und Vertrauensverlust nicht wundern.

    Aus genau diesem Grund veranstaltet das Bündnis die Fachtagung „So muss Schule!“ am 24./25. April 2026. Dort soll gemeinsam mit Praktikerinnen, Wissenschaftlerinnen und Interessierten diskutiert werden, welche Konsequenzen sich aus einer neuen Lern- und Haltungskultur konkret für die Neugestaltung von Schule ergeben müssen. In Workshops und Impulsen wirken unter anderem Margret Rasfeld, Stefan Ruppaner, Reinhard Stähling und Leonie Feitenhansl mit.

    Wir laden Herrn Zierer und Gottfried dazu gerne ein, sich im Austausch den Herausforderungen einer ‚Bildungswende Jetzt’ zu stellen und mit zu diskutieren.

    Eine Bildungswende ist keine Frage des Wollens, sondern des Handelns. Sie beginnt dort, wo Politik bereit ist, nicht nur über Leistung zu sprechen, sondern über Gerechtigkeit, Teilhabe und die Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems.

    Mit freundlichen Grüßen

    Christine Lindner


    Über mich

    Christine Lindner ist Vorsitzende von Eine Schule für Alle in Bayern e.V. und leitet den Bereich Vertrieb und Marketing bei AS Computertraining (Erwachsenenbildung).
    Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Bildungsgerechtigkeit, die Einführung von Gemeinschaftsschulen und eine Lernkultur, die Kinder stärkt statt sortiert.
    Ihr Motto: „Aufgeben ist keine Option.“
    👉 www.eine-schule.de/ueber-uns/

    Neue Blogbeiträge