Damit aus Unsicherheiten keine „Krankheiten“ werden: Erfahrungen aus der Grundschule

    Der Anstieg des Bedarfs an lerntherapeutischen Angeboten und Nachhilfen einhergehend mit dem stetigen Rückgang an Fertigkeiten des sicheren Lesens, Schreibens und Rechnens lässt aufhorchen. Welche Bedeutung der Unterstützung durch die Eltern beim Erlernen der Grundlagen einer möglichst erfolgreichen Schulbildung zukommen und wie Schulkinder auch daheim unterstützt werden können, ist Thema eines kleinen Elternratgebers und als Apell gedacht, die Bildung der Kinder im Auge zu behalten.

    Ein Beitrag von Simka Gogic-Daniel

    Wo bleibt die unbeschwerte Kindheit?

    Bis heute frage ich mich, wo die einstmals besagte, unbeschwerte Kindheit bleibt in diesem, unserem Schulsystem, wenn ich an meine Arbeit als Lehrkraft und Schulpsychologin zurückdenke, in der ich unzähligen Eltern begegnet bin, die wie ich nur eines für ihr Kind wollten: Gesundheit und eine gute Schulbildung.

    Eigene Erfahrungen als Mutter

    So auch ich als – berufstätige – Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes, der, so wie wir Eltern, mit dem Angebot eines Gutachtens der Legasthenie hätte „bedient“ werden können, als er nicht im vorgesehenen Tempo und schon gar nicht tagein tagaus bereit war, seine, trotz einer damals privat besuchten Ganztagesschule (Staatliche Ganztagesschulen waren damals gerade erst im Gespräch) stapelweise mit nach Hause gebrachten Hausaufgaben zu erledigen, abends oder/und auch am Wochenende.

    Das Gutachten lehnten wir ab.

    Das Gutachten lehnten wir aus noch zu erläuternden Gründen ab, was auf völliges Unverständnis der Schule stieß, die uns den Vertrag kündigte und es so zu einem Schulwechsel bei Einsatz der wohnortnahen Großeltern kam, nicht ohne eine an die neue, ganz normale staatliche Schule weitergegebene, dicke Schulakte.

    Anpassung statt Verständnis

    Etliche Sprechstundentermine waren die Folge, die erst wegfielen, nachdem der Übertritt auf ein Gymnasium mit einer Aufnahmeprüfung bestanden wurde, was nur 5% gelingt. Danach war Ruhe. Zuvor hatte sich die Deutschnote durch einen Aufsatz verschlechtert, bei dem unser Kind zwei Höhepunkte anstelle des einen, geforderten eingebaut hatte. Die Rechtschreibung war durch meinen gezielten Einsatz als studierte Germanistin bereits kein Thema mehr.

    Es hätte ja nicht unbedingt das Gymnasium sein müssen. Stimmt. Es war sicher zum größten Teil mein eigener Ehrgeiz, dem Kind die vermeintlich bestmögliche Schule zu ermöglichen und zwar im Alter von zehn Jahren nach der 4. Klasse und nicht anders wie es, wie ich heute weiß, in fast allen sonstigen europäischen und außereuropäischen Ländern der Fall ist. Damals, gerade voll ins Berufsleben einer Lehrkraft plus Schulpsychologie für vier Schulen an einem dafür freigestellten Schultag eingestiegen, hatte ich gar keine Zeit, mir darüber groß Gedanken zu machen. Dem Kind ging’s gut. Außer über die vielen Hausaufgaben hatte er sich über nichts beschwert und seinem Kinderarzt zufolge kerngesund, überließen wir ihn als Eltern dem ganz normalen Schulwahnsinn, dem er bis zur 10. Klasse standhielt, um anschließend erfolgreich eine qualifizierte Ausbildung abzuschließen. Studieren wollte er nie.

    Warum ich Diagnosen skeptisch sehe

    Es gibt einige Gründe, warum ich als Schulpsychologin, zuständig für die Bestätigung kinder-psychiatrischer Gutachten, wie dem der Legasthenie, solcherlei Diagnosen bis heute mehr als skeptisch gegenüberstehe.

    Mir war schon im Studium klar, dass mit diesen „Krankheiten“ etwas nicht stimmen kann, weil die seit den 40-er Jahren belegte, unterschiedliche Sprachentwicklung von Jungs und Mädchen dagegensprach, die Kinder und Jugendlichen über einen Kamm zu scheren. Mädchen entwickeln sich nachweislich eine Zeitlang deutlich sprachlich schneller als Jungens, und diese Zeitlang betrifft genau die Zeit des unseligen Übertritts.  80% der Legastheniker sind männlich. Ach so? Allein dieser Tatbestand wäre meiner Ansicht nach Anlass genug die bisherige Praxis zu unterbinden und bietet vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass Mädchen inzwischen die Gymnasien dominieren. Die spezielle Sprachentwicklung von Jungens bleibt nicht nur unberücksichtigt, sondern wird zur Krankheit erklärt.

    Förderung wirkt – wenn sie richtig ansetzt

    Dazu kommt, dass sich bereits während der Referendarzeit zeigte, dass mit Geduld und einer vertrauensvollen Eltern-Zusammenarbeit zumindest die Symptome jener „Krankheit“ relativ leicht zu beheben waren, wodurch häufig eine allgemeine Entspannung bei den Eltern mit einher ging. Dazu braucht es ein einfaches Erklärungsmodell der Regeln der deutschen Rechtschreibung, am besten verbunden mit einem übersichtlichen Grammatikverständnis, was meiner Beobachtung nach bei den mir bekannten „Förderlehrkräften“ nur selten vorhanden war. Man kann die Regeln erklären oder sich eben auf die Ausnahmen stürzen. Letzteres führt beim Lernen selten zu Spaß und zum Verständnis der Sprache und deren Struktur. Schade, denn ein solcher Überblick erleichtert doch auch erheblich den Erwerb anderer Sprachen.

    Bildung als Geschäftsmodell?

    Als ein weiteres Motiv meines Misstrauens gegenüber den vor 30 Jahren international eingeführten Krankheiten des psychiatrischen Bereichs ist das damit seither einhergehende Geschäft mit dem Wunsch nach einer gerechten Bildung für jedes Kind, wofür, meinem Verständnis nach, der Staat zuständig wäre und sein könnte, dächte er einmal gründlich über die veränderte gesellschaftliche Lage nach, die nach einer Veränderung des Schulsystems ruft und zwar am besten sofort.

    Seit der Etablierung jener Gutachten mit kurz gedachten Konsequenzen für die Benotung sind die sogenannten Lernpraxen- und Therapieangebote aus dem Boden geschossen wie gezüchtete Pilze mit Eingriffen in die Entwicklung von Kindern, bevor diese Entwicklung überhaupt in Gang gekommen, geschweige denn abgeschlossen wäre. Einmal ganz abgesehen von den ungeheuren Gewinnspannen zu Lasten von Krankenkassen und teilweise der Kommunen, während die Investition in Bildung von staatlicher Seite aus nicht gerade an vorderster Stelle erscheint. Und? Sind die Lernergebnisse der Schülerschaft besser geworden?

    Die ernüchternde Bilanz

    Auf diese Frage bedarf es wohl keiner Antwort mit Blick auf die zahlreichen, veröffentlichten diesbezüglichen Ergebnisse der letzten Jahre: Lesen, Schreiben, Rechnen immer mehr Fehlanzeige, Lehrermangel ohne Ende, steigende Anzahl von SchulabgängerInnen ohne Schulabschluss, offene Lehrstellen… .

    Ein anderer Weg ist möglich

    Eine deutlich längere gemeinsame Schulzeit mit Förderung aller Talente sowie genügend Zeit für die Wiederholungen basaler Fertigkeiten könnte die Lage einer nach Gerechtigkeit strebenden Bildung leicht und rasch verbessern. Und vielleicht sogar obendrein Gelder sparen, die in einer Schullandschaft einzusetzen wäre, wo sich die an Schule und Bildung Beteiligten auf Augenhöhe begegnen, so wie es in einer Neuerscheinung dreier Soziologen beschrieben wird. (*1)

    Konsequenzen aus der Praxis

    Vor etwa zehn Jahren ließ ich mich vom Amt der Schulpsycholgie entbinden, weil, wie ich dem Ministerium mitteilte, die Gutachten-Inflation nicht mehr zu verantworten war und ich eh stets – wie natürlich auch die Kollegenschaft – “schwierige“ SchülerInnen in die Klasse bekam, so dass ich dort meine Arbeit wenigstens ganzheitlich durchführen konnte. Die Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen ging ich gemeinsam mit den Eltern an, was erfahrungsgemäß zu 90% gelingt.

    Eltern als Schlüssel zur Schulzeit

    Der Schlüssel zu einer möglichst entspannten Schulzeit für die Kinder sind die Eltern, die ziemlich ausnahmslos den schulischen Werdegang ihres Kindes unterstützen, soweit sie können. Für diese Eltern ist der zuletzt von mir erschienene Ratgeber(*2) gedacht, der ein bewährtes Rezept bietet aus alten Zeiten, um die Grundlagen des Lernens einer schulischen Bildung parallel zum Unterricht zu stärken und zu sichern. Er gibt Eltern und allen in der Erziehung engagierten Personen nicht nur einen leicht verständlichen Leitfaden an die Hand, sondern zeigt auch gute Gründe auf, warum es sich lohnt, in Sachen Bildung mitzudenken.  Lehrreich und unterhaltsam, lassen Sie sich überraschen!

    (*1)Kinder Minderheit ohne Schutz von Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Klaus Peter Strohmeier, 2025

    (*2)Elternratgeber: Lesen, Schreiben und Grundrechnen für Ihr Kind: Starke Eltern – starke Kinder:  Schulförderung im Elternhaus von Simka Gogic-Daniel, 2023

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