Länger! Gemeinsam! Lernen!

    Notengebung und Selektion machen für viele Kinder und Lehrkräfte das Lernen unnötig schwer. Der Übertritt nach der 4. Klasse kommt viel zu früh und setzt Kinder, Eltern und Lehrer*innen unnötig unter Druck. Dabei wissen wir schon längst, dass die angeblich ‚begabungsgerechte‘ Sortierung der Kinder auf unterschiedliche Schularten mehr Probleme aufwirft als löst.

    Gemeinschaftsschulen sind die Basis für bessere Chancen für ALLE Kinder

    Das hat Schulleiter Roland Grüttner in seinem Vortrag am 4. Februar mit vielen Fakten und wissenschaftlichen Studien belegt. Den ganzen Vortrag findet Ihr als PDF –> hier zum Runterladen.
    Einige Fakten aus seinem Vortrag wollen wir hier herausstellen.

    Es heisst: Unser dreigliedriges Schulsystem ist durchlässig. Wirklich?

    Einem Aufsteiger ins Gymnasium stehen 19 Abstiege gegenüber.

    In Zahlen aus dem Schuljahr 2015/16 ausgedrückt:
    Aufstiege ins Gymnasium hinein: 585
    Abstiege aus dem Gymnasium heraus: 10 979

    Abschulungen machen ein System schlechter und ungerechter.

    OECD. (2010). PISA 2009 Ergebnisse: Zusammenfassung, OECD. http://​www.oecd.org​/​pisa/​pisaproducts/​46619755.pdf. Zugegriffen 03.09.2014. S. 18

    „In Schulsystemen, in denen es üblicher ist, leistungsschwache oder verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler abzuschulen, sind sowohl die Leistungen als auch die Chancengerechtigkeit tendenziell niedriger.“

    Aber wie ist das mit dem Übertritt? Gleiche Chancen für alle?

    Zitat von Professor Dr. Kai Maaz, Direktor der Abteilung für Struktur und Steuerung des Bildungswesens am DIPF (Deutsches Institut für internationale pädagogische Forschung)

    „Herkunft zensiert“
    „Die Vergabe der Grundschulempfehlungen erfolgt nicht ausschließlich nach leistungsbezogenen Kriterien. Bei gleicher Leistung sind die Chancen, eine Gymnasialempfehlung anstelle einer Realschulempfehlung zu bekommen, für Kinder aus den oberen Sozialschichten größer als für Kinder aus sozial weniger privilegierten Schichten.“

    Unverantwortliches Maß an Fehleinschätzungen

    Zitate von Dr. habil. Nikolaus Frank arbeitete am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg.

    Ingenkamp/Lissmann (2005) verweisen darauf, dass bei ca. 40% der Schüler das Eignungsurteil der Grundschullehrkräfte nicht mit dem erzielten Schulerfolg übereinstimmen… Diese Ergebnisse […] zeigen deutlich, dass die diagnostischen bzw. prognostischen Instrumentarien in der Grundschule unzureichend sind. Oder mit anderen Worten: Die Gefahr, einen Schüler in die falsche Schulform zu empfehlen, ist mit ca. 50% unverantwortlich hoch. (S. 186)

    und

    Die Probleme der Fehldiagnose bzw. -prognose beim Übertritt in das weiterführende Schulsystem sind schon erschreckend lange empirisch belegt, ohne dass sich bis heute daraus ernsthafte Konsequenzen ergeben hätten. (S. 129)

    und

    Selbst unter den Hauptschülern gibt es eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Schüler/innen (28,6 %), die aufgrund ihres IQs (hohe bis sehr hohe Intelligenz) der Mehrheit der Gymnasiasten entsprechen, wobei nicht alle Gymnasialschüler dieses Niveau erreichen. (S. 250)

    Gehen wirklich die Intelligentesten auf das Gymnasium? …

    Zitat von Prof. Dr. Elsbeth Stern, deutsche Psychologin und Professorin für Lehr-Lern- Forschung an der ETH Zürich

    Es gibt sehr intelligente Kinder, die keine Gymnasialempfehlung bekommen. Auf der anderen Seite geht offensichtlich eine nicht unbedeutende Zahl von Kindern mit einem klar unterdurchschnittlichen IQ auf das Gymnasium …

    Es zeigt sich gerade für Bayern sehr deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass bei gleicher Leistung ein Akademikerkind eine Gymnasialempfehlung bekommt, ist sechsmal höher als für ein Nicht-Akademikerkind.“ (S. 250f)

    und

    Ich bin für eine Gemeinschaftsschule, auf die alle Kinder gehen, bis sie 15 sind. Da hätte man dann zum Beispiel drei Mathematikkurse, A, B, C, und wenn ein Kind in einem A- Kurs Mühe hat, sagt man ihm, geh doch noch mal in den B-Kurs und hol das Thema nach. Wenn ein Zweitklässler dagegen in dieser Idealschule schon so viel rechnen kann wie ein Viertklässler, könnte er dort mit älteren Schülern gemeinsam lernen.

    Die zentrale Grundannahme ist falsch

    Zitat von Klaus-Jürgen Tillmann, Professor für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld, seit 2009 emeritiert; Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund

    „Die These, dass in leistungshomogenen Gruppen insgesamt bessere Leistungsergebnisse erzielt werden als in leistungsheterogenen, wurde in der empirischen Forschung durchgängig nicht bestätigt. Die zentrale Legitimationsthese unseres gegliederten Schulsystems wird damit empirisch nicht gestützt. Die internationalen PISA-Ergebnisse haben dies noch einmal sehr deutlich gemacht.“

    Ein fragwürdiges Menschenbild im Lehrplan Plus:

    LehrplanPLUS, jeweils unter „Bildungs- und Erziehungsauftrag“, Abschnitt 2: „Schülerinnen und Schüler an der Mittelschule / der Realschule / am Gymnasium“

    Zitat von Prof. Dr. Renate Valtin, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität Berlin; u.a. Mitglied der PISA / PIRLS; Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben:

    Dreifaltigkeit
    „Dieses System beruht auf dem Gedanken der Dreifaltigkeit der Begabung (der praktischen, der technischen und der abstrakten)…,
    Diese Auffassung und Schulstruktur war funktional im 19. Jahrhundert für die Reproduktion des Ständestaates, ist aber ungeeignet für eine demokratische Wissensgesellschaft.“

    Die Umsetzung von Inklusion in einem gegliederten System?

    Zitat von Prof. em. Hans Wocken, Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik der Uni Hamburg; Mitglied der deutschen UNESCO-Kommission „Inklusion“:

    Sind Inklusion und Separation kompatibel?

    Wenn Inklusion und Separation wirklich recht ähnliche, miteinander verträgliche Konzepte wären, gäbe es keinen Streit; gäbe es keine Strukturdebatten, keine Kontroversen zwischen Fundamentalisten auf beiden Seiten (!) und keinerlei Probleme und Konflikte im inklusiven Alltag…

    Bruno Schor, der … bayerische Schulexperte, hat in einem Rundfunkinterview den Aufbau einer inklusiven Schule in einem gegliederten Schulsystem treffend als „Quadratur des Kreises“ bezeichnet (vgl. Schor 2012). (Wocken 2014, S. 8)

    Mittelschulsterben in Bayern …

    Und das obwohl es laut Kultusministerium ein Erfolgsmodell ist …

    Mittelschulen sterben aus in Bayern

    Auf unserer Website haben wir noch viele weitere Informationen zum Thema Gemeinschaftsschulen zusammengetragen.
    Unter anderem auch die Stellungnahme von Roland Grüttner: Wider_das_verbreitete_Halbwissen_in_Sachen_Gemeinschaftsschule

    Roland Grüttner war 17 Jahre Rektor der Montessorischule in Dachau, und leitet jetzt als Rektor die Grund- und Mittelschule in Bergkirchen. Er ist ein Verfechter von Gemeinschaftsschulen und unterstützt einige Gemeinden in Bayern, die nach erfolgreichen Elternbefragungen einen entsprechenden Antrag im Kultusministerium gestellt haben, aber abgewiesen wurden.

    Roland Grüttner

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