Forum Bildungspolitik:

    Neue Prioritäten in der Krisen-Bildungspolitik

    VON: Forum Bildungspolitik in Bayern e.V. ● Postfach 150 209 ● 80042 München

    AN: Herrn Staatsminister, Prof. Dr. Michael Piazolo, MdL
    Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
    80327 München

    Sehr geehrter Herr Staatsminister,

    die aktuelle Krisensituation hat alle überrascht und so galt es auch in der Bildungspolitik rasch auf die neuen Umstände und Rahmenbedingungen zu reagieren. In diesem Zusammenhang werden viele Entscheidungen und Vorgaben notwendigerweise intensiv diskutiert und korrigiert.
    Die Vielzahl der zu berücksichtigen Themen hat es unmöglich gemacht, alle Seiten und Aspekte der Bildungspolitik in gleichem Maße zu würdigen. Diesem Prozess wollen wir als Forum Bildungspolitik in Bayern mit diesem Brief entgegenwirken und Randaspekte der Diskussion, die (noch) keinen ausreichenden Niederschlag in der Bildungspolitik gefunden haben, benennen und einordnen.

    Die inhaltliche Breite der Mitgliedsorganisationen des Forums Bildungspolitik erlaubt es unseren Expertinnen und Experten aus verschiedenen Blickwinkeln zu berichten und eigene, für den gesellschaftlichen Diskurs neue Prioritäten zu setzten. Dazu haben wir folgende Punkte formuliert, die uns als Forum Bildungspolitik besonders wichtig sind:

    Bildung nach Corona

    Lernen in Zeiten von Corona deckt auf: Ein Lernen im Gleichschritt nach Lehrplan ist grundsätzlich sehr schwierig. Die Voraussetzungen sind nicht für alle Kinder und Jugendliche gleich. Es ist deshalb dringend notwendig über die Individualisierung von Bildung kreativ nachzudenken:
    Je individueller der Unterricht abläuft, desto vielseitiger muss der Lernraum sein. Selbständiges Lernen zu Hause wird vermutlich in Zukunft eine größere Rolle spielen. Konzepte wie das ‚umgedrehte Klassenzimmer‘ (Flipped Classroom), in dem Lehrende Lernvideos bereitstellen und dann im Präsenzunterricht mehr Zeit für Diskussion, kooperatives Lernen oder andere Formen der interaktiven Zusammenarbeit haben, können das unterstützen. Hinzu kommt die dringende Notwendigkeit, bessere Lernbedingungen für Kinder zu ermöglichen, die zu Hause weder einen Arbeitsplatz noch die erforderliche Ausstattung und Ruhe für ihr Lernen haben. Auch ein reiner Jahrgangsunterricht entspricht nicht mehr dem bayerischen LehrplanPLUS. Dieser ist bewusst auf 2 Jahrgangsstufen angelegt und wir haben in vielen Grundschulen sowohl die Flexible Eingangsstufe als auch jahrgangsgemischte Klassen 3/4. Diese Gegebenheiten fußen auf einer Unterrichtskonzeption mit offener Aufgabenstellung in kooperativer Form und individuellen Lernfortschritten.

    Inklusion

    Auch wenn die UN-BRK bereits seit 2009 in Deutschland geltendes Recht ist, wird sie in Bayern gerade mal von knapp 6% der Grundschulen (Schulprofil Inklusion) umgesetzt. Kinder mit Beeinträchtigungen und Pflegegraden, die bisher aufgrund der wertvollen Unterstützung durch Begleitlehrer leidlich gut in Regelklassen integriert wurden, werden jetzt alleingelassen. Sie erhalten keine zusätzlichen Ressourcen und so gut wie gar kein Augenmerk seitens der Regierung. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die an Bayerns Förderschulen lernen, stieg von 4,6% im SJ 2008/09 auf 4,8% im SJ 2016/17 (Bericht Bertelsmann Stiftung). Staatssekretärin Stolz lobte öffentlich den Ausbau von Förderschulen als Erfolg von Inklusion. Wenn also zusätzlich Ressourcen, die wegen der Coronakrise benötigt werden, lediglich in Förderschulen fließen, bedeutet das mehr als nur einen Stillstand für die echte Umsetzung von Inklusion in Bayern. Konsequent umgesetzte Inklusion benötigt gerade auch in Zeiten von Corona zusätzliche Konzepte, Ressourcen, Lehrkräfte und Gelder. (Regel)-Schulen, Lehrer und Lehrerinnen, Familien und vor allem Kinder mit Behinderung müssen entsprechend bedacht und unterstützt werden.

    Außerschulische Perspektive

    Die Corona-Pandemie beeinträchtigt den Schulunterricht im erheblichen Umfang. Allmählich findet aber eine schrittweise Rückkehr der Schüler und Schülerinnen in die Klassenzimmer statt. Leider ist die schulbezogene Jugendarbeit dabei etwas aus dem Fokus des Interesses geraten. Hier zeigen sich aber auch erhebliche Probleme: Klassenfahrten sind bis auf weiteres untersagt und der Unterricht beschränkt sich im Wesentlichen auf die sogenannten Kernfächer. Damit können Jugendbildungsstätten, Jugendherbergen, Jugendringe oder Jugendverbände ihre schulbezogenen Aktivitäten nicht mehr planen und durchführen.  Es fehlt eine nachvollziehbare Perspektive, damit die erfahrungs- und erlebnisorientierte Jugendarbeit auch weiterhin in Vereinsprojekten,
    Sozialkompetenztrainings, SVM- oder Tutorenschulungen verwirklicht werden kann. Diese sollte sowohl in Übernachtungshäusern als auch in den Schulen so bald als möglich wieder stattfinden können.

    Digitaler Unterricht für Neuzugewanderte

    Viele Schülerinnen und Schüler der BIK-Klassen erhalten aufgrund der mangelnden technischen Voraussetzungen lediglich begrenzt Zugang zum nun vermehrt
    stattfindenden Unterricht außerhalb der Schule. Vielen steht nur ein Smartphone mit mehr oder weniger Guthaben zur Verfügung, W-Lan gibt es in vielen GUs nicht. Auch zu einem PC haben die meisten keinen Zugang. Vielen von ihnen fehlt es darüber hinaus an PC-Kenntnissen: Der Umgang mit E-Mails oder Lernplattformen ist meist neu. Doch nicht nur hinsichtlich der technischen Schwierigkeiten benötigen BIKSchülerinnen und -Schüler viel Unterstützung, persönliche Zuwendung und die Struktur der Schule. Meist fehlt es ihnen aktuell an Platz und Ruhe zum Lernen. Hilfsmöglichkeiten sind derzeit nur telefonisch oder online – und damit für viele nicht – erreichbar, wodurch die psychische Belastung dieser Schülerinnen und Schüler verstärkt wird. Nötig wäre ein EDV-Unterricht, der zusätzlich zum DaZ-Unterricht stattfindet. Inhalt dieses Unterrichts müssten EDV-Basiskenntnisse sein, vom Einschalten des Computers bis hin zur Verwendung von Lernplattformen. Um diesen Unterricht umsetzen zu können, muss den Schülerinnen und Schülern der Zugang zu vorinstallierten Endgeräten ermöglicht werden. Bis die Schülerinnen und Schüler wieder stabil in der Schule ankommen, wird viel Zeit vergehen, die für die Stoffvermittlung fehlt. Ein eigens konzipiertes Schuljahr zwischen BIK und BIK/Vs wäre deutlich sinnvoller als eine reine Wiederholung. Schwerpunkte müssten hier folgende Punkte sein: Stärkung der Schriftsprache, ein höherer Praxisanteil in der Schule, soziales Kompetenztraining und Teamfähigkeit.

    Wir, als Forum Bildungspolitik in Bayern, plädieren dafür, dass das Kultusministerium zu diesen Fragen deutliche Perspektiven aufzeigt und schnelle Verbesserungen auf den Weg bringt. Wie wir in unseren angeführten Punkten aufgezeigt haben, finden sich viele Menschen in den aktuellen Maßnahmen zu den Öffnungsmaßnahmen im Bildungsbereich nicht wieder. Hier muss Abhilfe geschaffen werden und auch über die aktuelle Notsituation hinaus überlegt werden, wie wir langfristige Verbesserungen erreichen können.

    Mit freundlichen Grüßen
    Simone Fleischmann, 1. Vorsitzende des Forum Bildungspolitik

    Das Forum Bildungspolitik bestehend aus diesen Organisationen:

     Akademie für Ganztagsschulpädagogik (AfG)  Aktion gute Schule e. V. Aktion Humane Schule Bayern  Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migrantenund Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY)  Arbeitsgemeinschaft der Elternverbände Bayerischer Kindertageseinrichtungen e. V. (ABK)  Bayerischer Elternverband e. V. (BEV)  Bayerischer Jugendring (BJR)  Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e. V. (BLLV)  Bayerischer Volkshochschulverband e.V. (bvv)  Bund der Deutschen Katholischen Jugend – Bayern (BDKJ)  Bündnis zur Erneuerung der Demokratie (BED)  Dachverband Bayerischer Träger für Kindertageseinrichtungen e.V. (DBTK)  Deutscher Caritasverband Landesverband Bayern e. V.  Deutscher Familienverband – Landesverband Bayern e. V. (DFV)  Deutscher Gewerkschaftsbund, (DGB), Bezirk Bayern  Deutscher Kinderschutzbund – Landesverband Bayern e. V. (DKSB)  Die Regionalbewegung – Landesgruppe Bayern  Eine Schule für Alle – in Bayern e. V.  Fachverband für  unstpädagogik, BDK e. V.  Gemeinsamer Elternbeirat für die Volksschulen der Landeshauptstadt München (GEB)  Gemeinschaft Evangelischer Erzieher in  Bayern e.V. (GEE)  Gesamtverband Evangelischer Erzieher und Erzieherinnen in Bayern e. V. (GVEE)  Gesellschaft macht Schule gGmbH (GmS)   Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft – Landesverband Bayern (GEW)  Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule e. V. – Landesverband Bayern (GSV – AKG)  InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e. V. (IG)  Institut für Zusammenarbeit im Erziehungsbereich (IFZE)  JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis  Landesarbeitsgemeinschaft Bayerischer Familienbildungsstätten e. V.  Landesarbeitsgemeinschaft Bayern Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen e. V.  Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Bayern e. V.  Landes-ASten-Konferenz Bayern (LAK)  LandesschülerInnenvereinigung Bayern e. V. (LSV)  Landesverband Bayerischer Schulpsychologen e. V. (LBSP)  Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. Bayern (LVL)  Landesvereinigung Kulturelle Bildung Bayern e. V. (LKB:BY)  Montessori Landesverband Bayern e. V.  Netzwerk Ganztagsbildung  Netzwerk Inklusion Bayern e.V.  PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V. StadtschülerInnenvertretung München  Sudbury München e. V.  Verband Berufstätiger Mütter e. V. (VBM)  Verband Sonderpädagogik e. V. (vds)

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