Schaffen Sie das Grundschulabitur ab, Herr Söder !

Ein Auszug aus dem Manuskript von Ruth Zeifert: ‚Begleitheft 4. Klasse Grundschule – Ein meinungsstarker Erlebnisbericht.‘

(…) Grundsätzlich erwarte ich, dass es die Politik alarmieren und ernst nehmen muss, wenn „Bulimielernen“, „Grundschul-Burn-Out“ oder „Grundschulabitur“ als Beschreibungen des Schul- und Familienalltags in das Vokabular, also als Verbalisierung der Wirklichkeit, Eingang gefunden haben. Der Staat handelt hier wissentlich und willentlich, beklagt und belegt durch Journalisten, Eltern, Kinderpsychologen, Pädagogen, Lehrer, Wissenschaftler und Politiker, in vielen, vielen Fällen, gegen das Wohl unserer Kinder. Und sind es nicht 100 %, dann sind es 50%, 25% oder 12,5: das jetzige System führt nachweislich dazu, dass tausende Kinder und Familien leiden. Wirklich leiden. Der bayrische Staat aber spricht uns Eltern weiterhin unsere Kompetenz und unser Recht ab, für unsere Kinder Sorge zu tragen und zu entscheiden.
In Art. 6 Abs. 2 S. 1 GG (Grundgesetz) steht: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“
Artikel 26 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ UNESCO formuliert: „In erster Linie haben die Eltern das Recht, die Art der ihren Kindern zuteilwerdenden Bildung zu bestimmen.“ (…)

Das System ändern ist eigentlich unmöglich. Aber ich versuchte es gleich zu Beginn. Ich wendete mich an die CSU, mit der Bitte, den Druck aus dem Leben dieser kleinen Menschen zu nehmen.

(September 2018)
Sehr geehrter Herr Söder,
im Wahlkampf vermisse ich ein Thema, das meiner, und vielen Familien mit Viertklasskindern, in den nächsten Wochen und Monaten schlaflose Nächte, Bauchweh, Streit und Druck bringen wird. Der Übertritt. Ich sehe keinen anderen Weg, als Sie persönlich um Hilfe zu bitten. Nur sie können etwas ändern und dieser wirklich psychisch schlimmen Situation Abhilfe verschaffen. Jetzt.
Es stellt sich so dar: Am 3. Schultag wurde ausgeteilt, welche Proben die Kinder in der 4. Klasse schreiben werden. In den übertrittsrelevanten Fächern Mathe, Deutsch und HSU. Es sind 22 Proben. Dazu können unangekündigte- und mündliche Tests kommen. Jetzt ist wohl die größte Aufgabe der Eltern, keinen Druck auszuüben, dachte ich. Aber es ist eben doch nur meine 9Jährige kleine Tochter, die nun fast wöchentlich mindestens eine Probe schreiben wird, für die sie parallel zu den Hausaufgaben und Nachmittagsbetreuung oder Kursen zusätzlich jeden Tag wohl lernen muss und deren Ergebnis über ihr weiteres Leben entscheiden wird. Dabei gibt es quasi keine Note für die Realschule. Nur einen Durchschnitt. Schreibt man eine 2 ist das gut (Gymnasium), schreibt man eine 3 ist das ganz konkret gleichbedeutend mit der Mittelschule, mit der Angst vor dem sozialen Abstieg. 22 Mal wird eine 2 oder eine 3 das ganz konkret bedeuten. So berichteten es mir die meisten anderen Eltern, die eine 4. Klasse schon ‚hinter sich‘ haben: „Mach Dir keinen Druck, der kommt schon ganz von allein….“ Mit der Schultüte in der Hand hatte ich gehofft, das mein Kind in den nächsten vier Jahren lesen, rechnen und viel Allgemeinbildung lernt. Generell hatte ich gehofft, dass mein Kind in der Schule seine Stärken herausfinden würde, die es dann in einem Beruf entfalten könnte. Vokabeln die ich hier in Bayern lernte waren Bulemie-Lernen und Grundschulabi. Seit dem ersten Elternabend der 1. Klasse lassen sich einige Eltern der Klassenkameraden den Notenschnitt ausrechnen. Heute, am 4. Schultag in der 4. Klasse meiner 9Jährigen Tochter, bin ich auch dort angekommen: „Sie braucht Zweier!“ Das ist offen gestanden alles, was ich denke. Nicht: „Hat sie was gelernt?“, „Hat sie es verstanden?“. Als Mutter würde ich mir wünschen, dass es einen anderen Weg nach vier Jahren Schule gäbe, einzuschätzen, welche Schulform für mein Kind geeignet wäre. Zumindest nicht diesen Weg, der seit so vielen Jahren schon von Kindern, Eltern, Lehrern und Wissenschaftlern als in hohem Masse belastend und schon auch nicht ganz so eindeutig in seinem Zutreffen beklagt wird. Ich möchte, dass sich das ändert. Am liebsten sofort. Bei uns geht es um jeden Tag.
Mein Kind wird krank werden. Allein schon, weil es sieht, welche Sorgen ich mir mache (obwohl ich es zu verstecken suche) und sie -recht reflektiert- zu unterstützen versuche. Was kann ich tun, um die Übertrittsreglung zu ändern, um den Stress aus dem Leben der Familien zu bekommen? Unterschriften sammeln? Anträge stellen? Alle Forschungsberichte und Erfahrungsberichte nochmal zusammen tragen? Lieber Herr Söder, bitte seien Sie so gut und ändern Sie es doch einfach vor der Wahl. Zack: Empfehlungsschreiben der Lehrer auf Grundlage der Noten, aber nicht als Einschreibekriterium für die weiterführende Schule. [Anmerkung: Die Freigabe des Elternwillens sehe ich nicht als Lösung des Problems, sondern als Druckmilderung.] Man sieht doch: in anderen Bundesländern führt das nicht zum Chaos. Dass alle ihre Kinder aufs Gymnasium schicken passiert nicht. Vielleicht macht es die Mittelschule gar wieder attraktiver. Unsere bayrischen Lehrer und die Eltern und Kinder in jedem Fall würden Sie in dieser Handhabe unterstützen. Es würde einfach auch den ganz realen Druck einer jeden Familie Bayerns mit einem Kind in der 4. Klasse nehmen. Ich Bitte Sie aus vollem Herzen. Kein Geld, kein Kreuz, keine Wohnung wäre mir so wichtig, wie das Wohl meines Kindes.
Viele Grüße, Ruth Zeifert

Nachdem keine Reaktion kam, rief ich bei Markus Söder an. Ich weiß, es ist eine Woche später Wahl. Ich sehe im Nachhinein, wie naiv es von mir ist, zu glaube, es würde sich irgendjemand dieses Schreiben zu Herzen nehmen. Aber als Bürgerin dieses Bundeslandes muss ich doch irgendeine Handhabe haben? Ich bin keine geborene Elternvertreterin und auch eine Petition zu starten, das kann ich nicht. Ich schreibe. Ich schrieb Markus Söder, was mir über alle Massen schwerfällt, da ich seine im Speziellen und die Politik der CSU im Allgemeinen ablehne, aber ich schrieb ihm aus ganzem Herzen und hoffte, dass Politiker ihre Bürger als wichtig ansehen. Andererseits: als letzten Sommer über 30.000 Menschen in München auf die Straße gingen, nannte er es unwichtig, weil es ein zu kleiner Teil der Bevölkerung sei. Dreissigtausend Menschen – das war auf der Straße überwältigend. Warum habe ich das also gemacht? Habe ich geglaubt, etwas ändern zu können? Ich denke an die Talk Show, in der Söder den Grünen Spitzenpolitiker ob dessen Reformgedanken lächelnd fragt: „Ach, Sie wollen das Abitur abschaffen?“. Ich glaubte wirklich, etwas mit meinem Schreiben ändern zu können, weil ich daran glaubte, dass er, Markus Söder, nicht weiß, wie schlimm es uns hier unten trifft, was er da oben befürwortet. Die nette Dame im Vorzimmer, Frau Probst, nahm sich Zeit für ein Gespräch, hatte ein offenes Ohr. Sie wollte Markus Söder das Anliegen noch einmal direkt auf den Tisch legen. Nach einigen Wochen kam eine Standardantwort mit dem Verweis auf die Durchlässigkeit des Systems. Die Alpträume blieben. Alpträume mit Zukunftsängsten. Man hoffe, mir mit der Information geholfen zu haben. (…)

Dr. Ruth Zeifert ist Soziologin und eine Mutter, die ihr Kind durchs bayrische Grundschulabitur begleitet hat.

Call for Artikels – Das Übertrittsjahr: die 4. Klasse an bayrischen Grundschulen

Das eigene Kind durch die 4. Klasse einer bayrischen Grundschule zu begleiten, kann eine wahre Herausforderung sein. 22 Tests in relativ kurzer Zeit. Jede Note 3 ein Schritt in Richtung Mittelschule. ‚Grundschulabitur‘, ‚Burnout‘ und ‚Bulemielernen‘ sind Vokabeln, die uns Eltern nun bekannt werden.
Seitens der bayrischen Regierung wird die aktuelle Handhabe vehement verteidig – und das, obwohl etwa Lehrer, Psychologen und Politik immer wieder eine Veränderung fordern.
Wir Eltern können wenig machen, außer unsere Kinder zu unterstützen.
Ich möchte nun gerne ein Buchprojekt starten, das hierfür weiter Öffentlichkeit schafft. Dafür suche ich Texte, die das 4. Schuljahr an bayrischen Grundschulen zum Thema haben, beispielsweise Erfahrungsberichte, Kommentare oder auch wissenschaftliche Beiträge. Diese sollen zu einem Sammelband zusammen gefasst werden, der sowohl Eltern das Gefühl vermittelt, in dieser Situation nicht alleine zu sein, als auch der aktuellen Regierung verdeutlicht, was solch ein Übertrittsjahr denn eigentlich tatsächlich in Familien verursachen kann.

Fragen und Beiträge bitte an: ruthzeifert@gmail.com

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