Wer Bildung will, darf Angst nicht zum Prinzip machen
    Das Problem ist nicht Leistung – sondern der Druck

    Replik/Leserbrief auf den Artikel in News4Teachers „Warum eine Wissenschaftlerin vor weniger (unangekündigten) Leistungsabfragen an Schulen warnt

    Sehr geehrte Redaktion,
    sehr geehrte Damen und Herren,

    mit großem Interesse haben wir den Beitrag über die Aussagen von Prof. Manuela Pietraß zur Zukunft unangekündigter Leistungsnachweise gelesen. Aus unserer Sicht greifen die Aussagen im Interview an mehreren Stellen deutlich zu kurz – vor allem deshalb, weil ein Grundproblem unseres Schulsystems kaum hinterfragt wird: Lernen unter permanentem Druck ist nicht automatisch gutes Lernen.

    Niemand bestreitet, dass Leistungsrückmeldungen wichtig sind. Natürlich brauchen Lehrkräfte Möglichkeiten, Lernstände zu erkennen, Feedback zu geben und Schüler*innen beim Lernen zu begleiten. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass unangekündigte Exen und spontane Abfragen pädagogisch sinnvoll sind.

    Die entscheidende Frage lautet doch:
    Fördern unangekündigte Leistungsnachweise wirklich nachhaltiges Lernen – oder erzeugen sie vor allem Stress, Anpassungsdruck und kurzfristiges Auswendiglernen?

    Die Forschung ist hier erstaunlich eindeutig. Studien zeigen seit Jahren, dass Prüfungsangst Lernfreude, Motivation und Leistungen beeinträchtigen kann.
    Die Visible-Learning-Forschung von John Hattie zeigt seit Jahren, dass lernförderliches Feedback einen deutlich stärkeren Einfluss auf Lernerfolg hat als reine Kontroll- und Druckmechanismen.

    Wer ständig damit rechnen muss, spontan geprüft zu werden, lernt häufig nicht aus Interesse oder echter Neugier, sondern vor allem, um unangenehme Situationen zu vermeiden.

    Genau daraus entsteht das, was viele Schüler*innen nur zu gut kennen: Bulimielernen.
    Kurzfristiges Reinpauken für den nächsten Überraschungstest – und direkt danach wieder vergessen.

    Studien der Universitäten Bayreuth und Wien zeigen zudem, dass angekündigte Leistungsnachweise zu besseren Leistungen, höherer Zufriedenheit und nachhaltigerem Lernen führen können. (Artikel News4Teachers)

    „Lehrkräfte in den Schulen sehen sich heute oft vor die Wahl zwischen unterschiedlichen Zielen gestellt: Während unangekündigte Tests kontinuierliche Lernprozesse zu fördern scheinen, stärken angekündigte Tests die emotionale Ausgeglichenheit und die intrinsische Freude am Lernen. Von den erzielten Lernerfolgen her gesehen, spricht unsere Studie eindeutig dafür, den Emotionen der Schülerinnen und Schüler im Bildungswesen mehr Gewicht einzuräumen: Angst ist kein guter Lehrmeister – das ist ja eigentlich eine alte Erkenntnis“, sagt Bayreuther Schulpädagoge Prof. em. Ludwig Haag.

    Das Problem ist also nicht Leistung.
    Das Problem ist die Art, wie Leistung in unserem Schulsystem häufig erzeugt und überprüft wird.

    Prof. Pietraß argumentiert, ohne Exen würden sich Prüfungen stärker „aufladen“. Doch das ist ein Scheingegensatz. Niemand fordert, Leistungsrückmeldungen komplett abzuschaffen oder alles auf eine einzige Abschlussprüfung zu reduzieren. Im Gegenteil: Wir brauchen vielfältigere, transparentere und lernförderlichere Formen der Leistungsrückmeldung.

    Und genau hier wird ein Punkt zentral, den Prof. Pietraß selbst anspricht: die Qualität von Feedback.

    Die Bildungsforschung zeigt seit Jahren, dass gutes Feedback zu den wirksamsten Faktoren für Lernerfolg gehört. John Hattie beschreibt Rückmeldungen sogar als einen der stärksten Einflüsse auf Lernen überhaupt.
    Entscheidend ist aber: Förderliches Feedback hilft beim Lernen. Angst hilft nicht.

    • Gute Rückmeldungen machen sichtbar:
    • Wo stehe ich gerade?
    • Was habe ich verstanden?
    • Was ist mein nächster Lernschritt?
    • Wie kann ich mich verbessern?

    Eine spontane Ex liefert darauf oft erstaunlich wenig Antwort. Häufig bleibt am Ende vor allem eine Zahl – und das Gefühl von Stress.

    Viele innovative Schulen zeigen längst erfolgreich, wie das besser funktionieren kann – auch innerhalb des staatlichen Systems.

    Die Eichendorffschule Erlangen, ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis 2023, arbeitet beispielsweise bewusst mit klar getrennten Lern- und Leistungsphasen. Fehler dürfen dort Teil des Lernprozesses sein, ohne sofort benotet zu werden. Leistungsnachweise erfolgen transparent und planbar – nicht überrumpelnd.
    Die Alemannenschule Wutöschingen, ebenfalls Schulpreisträger (2019) setzt mit ihren „Gelingensnachweisen“ auf individuelle Prüfungsformate, bei denen Lernfortschritte sichtbar gemacht werden, ohne Schüler*innen permanent unter Druck zu setzen.
    Beide Schulen sind staatliche Schulen und unterliegen ganz normal den Vorgaben der jeweiligen Kultusministerien.

    Dort geht es nicht darum, Leistung abzuschaffen, sondern Lernen sinnvoller, fairer und nachhaltiger zu begleiten.

    Besonders irritierend wirkt deshalb die Vorstellung, ausgerechnet im Zeitalter Künstlicher Intelligenz wieder stärker auf spontane Wissensabfragen setzen zu wollen. Denn KI verändert gerade grundlegend, welche Kompetenzen künftig wirklich wichtig sind: kritisches Denken, Problemlösefähigkeit, Kreativität, Kooperation und die Fähigkeit, Informationen einzuordnen und sinnvoll anzuwenden.

    Genau hier setzt auch das Konzept des „Deeper Learning“ an, das international zunehmend an Bedeutung gewinnt. Es beschreibt Lernformen, bei denen Schüler*innen Wissen nicht nur kurzfristig reproduzieren, sondern verstehen, vernetzen, reflektieren und praktisch anwenden.

    Deeper Learning entsteht nicht durch dauerhafte Alarmbereitschaft im Unterricht.

    Wer jederzeit Angst haben muss, „dranzukommen“, konzentriert sich oft nicht auf tiefes Verstehen, sondern auf möglichst fehlerfreies Funktionieren. Das erzeugt Anpassung – aber nicht automatisch Bildung.

    Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der in der Debatte häufig übersehen wird: die fehlende Teilhabe der Schüler*innen. Stoff, Tempo, Prüfungszeitpunkte und Bewertungsformen werden meist vollständig von oben vorgegeben. Viele Kinder erleben Schule deshalb nicht als Ort selbstbestimmten Lernens, sondern als System permanenter Kontrolle.

    Dabei lernen Menschen nachweislich erfolgreicher, wenn sie Selbstwirksamkeit erleben, Verantwortung übernehmen können und verstehen, warum sie etwas lernen.

    Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht lauten:
    „Wie halten wir den Druck aufrecht?“
    Sondern:
    „Wie schaffen wir eine Lernkultur, in der Schüler*innen motiviert, nachhaltig und ohne Angst lernen können?“

    Andere Schulen machen längst vor, dass das möglich ist.
    Vielleicht sollten wir endlich beginnen, von ihnen zu lernen und alte Zöpfe abschneiden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Christine Lindner


    Über mich

    Christine Lindner ist Vorsitzende von Eine Schule für Alle in Bayern e.V. und leitet den Bereich Vertrieb und Marketing bei AS Computertraining (Erwachsenenbildung).
    Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Bildungsgerechtigkeit, die Einführung von Gemeinschaftsschulen und eine Lernkultur, die Kinder stärkt statt sortiert.
    Ihr Motto: „Aufgeben ist keine Option.“
    👉 www.eine-schule.de/ueber-uns/

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