Bitte setzen Sie die aktuelle Übertrittsregel zugunsten einer qualifizierten Beratung mit Elternwille aus.

    Ein Brief von Dr. Ruth Zeifert an Kultusminister Piazolo.

    Eindringlicher kann man kaum darum bitten:

    Sehr geehrter Herr Piazolo,

    wäre es nicht möglich, dieses Jahr das Grundschulabitur der 4. Klasse in der bisherigen Handhabe auszusetzen?

    Bislang war der Schnitt aus 21 Proben in den Hauptfächern das einzige, was zur Entscheidung der weiterführenden Schule zählt. Nun haben Sie die Anzahl der Proben auf 18 reduziert. In der Praxis ist das meines Erachtens leider nicht hilfreich genug, um auf die Umstände durch Corona zu reagieren.

    Natürlich schreibe ich als eine Betroffene. Ich habe eine Tochter in der 4. Klasse einer Münchner Grundschule. Beim Elternabend berichtete unsere Lehrkraft, was auf uns, unsere Kindern, in der 4. Klasse nun zukommt.

    Ein Vater fragte, ob man es nicht etwas langsamer angehen könnte, denn die Kinder hätten ein halbes Jahr keine Proben geschrieben und auch ‚nur‘ 18 Proben bedeuteten, dass die Kinder schon vor heftigen Herausforderungen stünden, wenn es nach dieser langen Pause sofort mit (fast) wöchentliche Tests losgehe. „Nein“ sagte die Lehrkraft, langsamer sei leider nicht vorgesehen. Die nächste Frage war, ob man nicht erstmal den Stoff aufholen könnte, denn die Kinder hätten nun ja ein halbes Jahr keinen Unterricht gehabt. Aber auch hier bedauerte unsere Lehrkraft, dass es nicht wirklich mehr Zeit vom Kultusministerium gäbe, um anzugleichen und aufzuholen gäbe – immerhin 3 Proben weniger! Auf die Frage, wie es denn weiter ginge, wenn die Schule wieder halbe Klassen oder gar Homeschooling machen müsste, gab es leider auch noch keine befriedigende Antwort: Man habe Ideen, aber im Wesentlichen liefe es auf geteilten Unterricht oder Homeschooling mit Arbeitsblättern heraus. Wie man die Prüfungen stemme, wisse man noch nicht. Für Video-Unterricht fehle die Technik (nicht jeder Lehrer habe einen Dienstlaptop – als ob das jedes Kind hätte…) – und selbst wenn es diese gäbe, wäre es datenschutzrechtlich ein Problem.

    Lieber Herr Piazolo, das letzte halbe Jahr war eine Herausforderung für uns alle. Es lief wenig nach Plan; Studien und Reportagen darüber füllen seither die Medien. Weder die Schulen, noch Familien und deren Kinder hatten gleiche Bedingungen. Die aktuellen Unterschiede im Wissensstand der Kinder spiegeln dies nachweislich wieder. Die heutige Situation nun ist weiterhin fragil, die Zukunft ungewiss. Zahlreiche Schulen schließen bereits Klassen, Lehrer fallen weg und Kinder sollen diesen Herbst/Winter lieber mal einen Tag länger Zuhause bleiben, als kränklich in die Schule kommen. 36 Stunden fieberfrei ist die Anweisung (auch, wenn wöchentlich gewissermassen ‚lebenslaufentscheidende‘ Proben anstehen). Ihr Versprechen, das Versprechen der Politik war, es solle möglichst keinem Schüler ein Nachteil entstehen. Sie sind aber entstanden. Ganz ohne Ihnen das vorzuwerfen; das war halt so, das ist halt so. Ein Beispiel? Vor drei Tagen schrieb unsere 4. Klasse HSU. Am Abend vorher fragte der 14 Jährige Bruder einer Schülerin in die Eltern WhatsApp Gruppe, was die 4. Klasskinder für den nächsten Tag lernen müssten? Die Schwester habe die Unterlagen nicht dabei. Das war um 22:30 Uhr. Zurück kam die Mail einer Mutter, die drei für ihre Tochter fast schon professionell gestaltete Lernplakate sendete. Wie oft meinen Sie, hatte ersteres Kind Unterstützung in den vergangenen Monaten – oder der 14 Jährige Bruder? Wo wird dieses, wo das Kind mit der eifrigen Mutter wohl landen? Die Unterschiede aktuell spiegeln unsere sozialen Unterschiede mehr denn je. Wozu also diese alte Handhabe?

    Als Mutter kann ich Sie nur bitten, diesen Winter anderes zentral zu setzen, als Leistungsnachweise. Die Kinder der jetzigen 4. Klasse besuchten nicht nur lange keinen regulären Unterricht, sie mussten auch lange Monate Sozialkontakte und Freizeitaktivitäten einstellen oder einschränken. Ein Ende ist nicht in Sicht. Eine (lebensweisende) monatelange Dauerprüfungssituation ist eine schwere zusätzliche Last. Bitte nehmen Sie uns diese.

    Dem Ideal eines ‚gerechten‘ (eines vermeintlich besonders objektiven) bayrischen Übertritts, kann Schule gerade doch schlicht nicht genügen.

    Ich wünsche mir eine Beratung: wo gehört mein Kind hin? Bis dahin wünsche ich mir, dass die Lehrkräfte die Kinder erst einmal dort abholen könnten, wo sie sind und auf die aktuelle Lage reagieren.Wenn wir diesen ungewissen Winter hinter uns haben, könnte doch eine Empfehlung auf Grundlage der Noten und des Gesamteindrucks sicher qualifiziert besser Zeugnis geben, über Leistung und Fähigkeit eines jeden Kindes. Wo, so könnten die Lehrer im Gespräch erläutern, liegen für das spezielle Kind in welcher Schulart Herausforderungen, wo Chancen? Ja, auch basierend auf Noten, aber eben auch auf der Expertise des Lehrers. Das wäre dann zwar der Elternwille, aber schau ich auf das letzte halbe Jahr, wollten in unserer Klasse mehr Eltern ihre Kinder zurückstellen lassen, als sie so unvorbereitet ‚auf ein Gymnasium‘ schicken. Es ist doch alles so furchtbar ungewiss. Und jene, die sich wenig kümmern können, hätten vielleicht gar eine gerechtere Chance. Wir Eltern werden sicher überwiegend nicht fahrlässig handeln. Wenn Sie uns jetzt nicht zugestehen, zu urteilen, frage ich mich, wann dann? Es ist schwer nachzuvollziehen, warum sie uns zutrauten, eben diese Kinder zu unterrichten, durch eine bislang nie dagewesene schulische Situation zu führen, dann aber gerade der Schnitt aus unvergleichbarsten Situationen am Ende steht..

    Die Münchner Corona-Zahlen liegen aktuell am Grenzwert. Soll es für uns jetzt wirklich ‚in Angst‘ weiter gehen? ‚Stress raus und gemeinsam durch Corona‘, das würde ich mir als Ihr Ziel für die 4. Klassen wünschen! Bitte setzen Sie die aktuelle Übertrittsregel zugunsten einer qualifizierten Beratung mit Elternwille aus.

    Mit freundlichem Gruß,

    Ruth Zeifert

    Dr. Ruth Zeifert ist Soziologin und Mutter zweier Töchter in München. Die bayerische Schullandschaft empfindet die gebürtige Frankfurterin als eine Herausforderung. Als zu konservativ, zu ungleich und zu wenig am Leben der Kinder orientiert nimmt sie das System wahr. Zeifert arbeitet als Autorin zu Antidiskriminierung und der ‚Mischung‘ in unserer postmigrantischen Gesellschaft. Leistungsgedanken und Selektion in der Wissensvermittlung würde sie gerne durch die Rückkehr zum Streben nach einem Humanismus abgelöst sehen, der sich bemüht, allen Kindern gleichermassen die maximal mögliche Bildung als Grundstock für ihre Leben zu ermöglichen. Auch Homeschooling kritisiert sie daher als Eingriff in die Familien und Garant für eine Ungleichheit im zu erwartenden Ergebnis.

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