Warum Bayern längeres gemeinsames Lernen braucht – Interview bei Radio Lora
Die Landtagsanhörung vom 22. Oktober 2026 liefert wichtige wissenschaftliche Argumente für mehr Bildungsgerechtigkeit, individuelle Förderung und eine Weiterentwicklung des bayerischen Schulsystems.
🎙️ Christine Lindner im Gespräch mit Radio Lora
Am 23. Oktober 2026 sprach Christine Lindner, 1. Vorsitzende von Eine Schule für Alle in Bayern e. V. und Co-Sprecherin des Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern, im Interview mit Radio Lora München über die Ergebnisse der öffentlichen Anhörung im Bayerischen Landtag zum längeren gemeinsamen Lernen.
Im Gespräch fasst sie die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, erläutert die Chancen einer Gemeinschaftsschule als zusätzlicher Schulart und erklärt, warum sich das Bündnis für eine Öffnung des bayerischen Schulsystems einsetzt.
Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie können wir Schule so gestalten, dass jedes Kind seine Potenziale entfalten kann – unabhängig von seiner sozialen Herkunft?
▶️ Das Interview mit Radio Lora vom 23. Oktober 2026:
Hier die Hauptaussagen anhören.
Quelle: Radio Lora München, Interview vom 23.10.2026.
Landtagsanhörung: Wissenschaftliche Argumente für längeres gemeinsames Lernen
Die öffentliche Anhörung im Bayerischen Landtag am 22. Oktober 2026 lieferte wichtige wissenschaftliche Argumente für eine Weiterentwicklung des bayerischen Schulsystems.
Insbesondere die Beiträge der Bildungsforscher*innen Prof. Dr. Kai Maaz, Prof. Dr. Petra Stanat und Prof. Dr. Gabriele Weigand machten deutlich, welche Chancen längeres gemeinsames Lernen bietet.
Denn in Bayern hängt der Bildungserfolg noch immer stark von der sozialen Herkunft ab. Die frühe Aufteilung von Kindern auf unterschiedliche Schularten bereits nach der vierten Klasse kann bestehende Ungleichheiten zusätzlich verstärken.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Anhörung
- Mehr Bildungsgerechtigkeit: Prof. Dr. Kai Maaz verwies auf internationale Studien und Metaanalysen, die zeigen, dass eine frühe Aufteilung soziale Ungleichheiten im Bildungserfolg verstärkt. Ein daraus resultierender Leistungsvorteil ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
- Mehr Zeit, um Potenziale zu entdecken: Prof. Dr. Gabriele Weigand betonte, dass Begabungen nicht statisch, sondern entwicklungsfähig sind. Gerade bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien bleiben Fähigkeiten häufig unerkannt. Längeres gemeinsames Lernen gibt Kindern mehr Zeit, ihre Stärken zu zeigen, und Lehrkräften mehr Möglichkeiten, diese zu erkennen und gezielt zu fördern.
- Individuelle Förderung statt früher Festlegung: Prof. Dr. Petra Stanat verwies auf Forschungsergebnisse, nach denen insbesondere leistungsschwächere Kinder von längerem gemeinsamen Lernen profitieren können. Entscheidend sind eine hohe Unterrichtsqualität und eine gezielte Förderung, die allen Leistungsniveaus gerecht wird.
- Hohe Leistungen und gemeinsames Lernen schließen sich nicht aus: Internationale Beispiele wie Kanada zeigen, dass längeres gemeinsames Lernen mit guten schulischen Leistungen vereinbar ist. Auch leistungsstarke und hochbegabte Kinder müssen dabei nicht zu kurz kommen.
- Mehr soziale Kompetenz und gesellschaftlicher Zusammenhalt: Wenn Kinder mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen länger gemeinsam lernen, können gegenseitiges Verständnis, soziale Kompetenzen und gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden.
- Offene Bildungswege statt früher Entscheidungen: Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Eine spätere Aufteilung ermöglicht es, ihre Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale besser einzuschätzen, bevor weitreichende Entscheidungen über ihren Bildungsweg getroffen werden.
Die Wissenschaftler*innen betonten zugleich, dass eine veränderte Schulstruktur allein noch keine bessere Bildung garantiert. Entscheidend sind qualifizierte Lehrkräfte, gute Unterrichtsqualität, individuelle Förderung und die notwendigen personellen und räumlichen Voraussetzungen.
Die öffentliche Anhörung kann unter folgendem Link in voller Länge nachverfolgt werden https://www.youtube.com/live/EZzAQluaQi4?si=kExswjpkw9nZWK8b
Ein breites Bündnis für die Gemeinschaftsschule in Bayern
Eine Schule für Alle in Bayern e. V. ist Bündnispartner im Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern, dem mittlerweile fast 20 Organisationen angehören und das von zahlreichen weiteren Organisationen unterstützt wird.
Das Bündnis setzt sich dafür ein, die Gemeinschaftsschule als zusätzliche, gleichberechtigte Schulart in Bayern zu ermöglichen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, das bestehende Schulsystem kurzfristig abzuschaffen. Vielmehr sollen Schulen und Kommunen die Möglichkeit erhalten, sich gemeinsam mit Eltern und Lehrkräften freiwillig zu Gemeinschaftsschulen weiterzuentwickeln.
Eine solche Öffnung würde Raum für innovative Schulkonzepte schaffen, in denen Kinder länger gemeinsam lernen und entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten gefördert werden.
Die Ergebnisse der Landtagsanhörung bestärken das Bündnis in seiner Forderung, diese Entwicklung auch in Bayern zu ermöglichen.
📄 Zur Pressemitteilung des Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern vom 23. Oktober 2026
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