Liebe Eltern,

    viele von euch waren am 23.09.23 beim bundesweiten Bildungsprotesttag mit dabei, herzlichen Dank an euch alle für euer Mit-Wirken!

    Was war das für eine Stimmung – WOW!!!

    Aber ganz ehrlich, ich hätte mir noch viele viele Eltern mehr gewünscht!

    Warum?

    Mein Wunsch liegt in der Tatsache begründet, dass alle Kinder in irgendeiner Weise von den Missständen in unseren Kitas, Schulen und Horten betroffen sind und dass der Wunsch nach Verbesserungen doch eigentlich viel mehr Eltern auf die Straße treiben sollte. Einige mögen nun dagegen halten, dass die Probleme vor Ort „gar nicht so schlimm“ seien oder dass „mein Kind mit unserem (Bildungs-)System ja keine Probleme hat“.

    Liebe Eltern, habt ihr euch schon einmal genauer überlegt, was solche Einwände „verstecken“?

    Wenn die Situation „gar nicht so schlimm“ ist, ist sie denn dann gut? Gäbe es beispielsweise mehr Personal bzw. für das vorhandene Personal mehr zeitliche Ressourcen, könnten die Erzieher*innen und Lehrkräfte individuelle, fördernde Angebote machen, statt sich „nur“ um Notfälle wie nasse Hosen, Heimweh nach der Mama oder dem Papa, fehlende Hefte, Pausenhof-Streit oder oder oder kümmern zu müssen.

    Davon profitieren doch ALLE Kinder, also auch euer eigenes Kind. Wenn eine Bezugsperson Zeit für ein kurzes Gespräch hat, wenn ein*e Erzieher*in für die Schlauköpfe in der Gruppe ein spannendes Experiment vorbereiten konnte oder wenn sie euer Kind bei seinen feinmotorischen Fähigkeiten ein klein wenig unterstützen kann, wird jedes einzelne Kind auch nur für einen kleinen Moment individuell gestärkt.

    Und wenn ihr euch euer Kind gerade gedanklich vor euch stehen, hüpfen, tanzen,… seht, durch welches (Bildungs-)System hüpft oder tanzt es denn dann „ohne Probleme“? Welche Persönlichkeit seht ihr vor euch? Habt ihr wirklich das Gefühl, dass die Schule, so wie sie heutzutage meistens noch praktiziert wird, euren geliebten kleinen Menschen stärkt?

    Die Lehrer*innen kämpfen tagtäglich damit, die vielen Inhalte, die der Lehrplan vorgibt, punktgenau zum mancherorts verpflichtend abgesprochenen Termin für die Probe mit euren Kindern durchzupauken (egal, ob dein Kind oder der/ die Lehrer*in krank war/ ist, egal, ob es vorher in der Schule oder zu Hause Streit gab, egal,…). Sie kämpfen mit vielen anderen Dingen wie den individuellen Bedürfnisse einzelner Schüler*innen, organisatorischen Aufgaben, Terminen, Korrekturen und und und … Und dem frustrierenden Gefühl, dass sie euer Kind und sein Sprach- oder Bewegungs- oder technisches Talent zwar sehen, aber dieses gar nicht fördern können. Sie können es nicht fördern, weil es dafür keine Probe und keine (Hauptfach-)Note gibt und für alles andere bleibt einfach keine Zeit und kein Freiraum.

    Das muss aber nicht so sein! Es könnte anders sein! Eine Schule ohne Noten ist keine utopische Träumerei, es ist eine mögliche und vielerorts gelebte Realität. Eine Schule, in der nicht allein die Noten entscheiden, wie der Weg nach der 4.Klasse weiter geht, ist eher die Regel als die Ausnahme. Wieso sollte der Weg sich eigentlich trennen? Mit einem entsprechenden Schulkonzept kann auch euer Kind jenseits der 4.Klasse genauso gut mit allen anderen Kindern erfolgreich lernen. Vielleicht kann es in diesem Setting auch viel mehr das lernen, was es wirklich interessiert anstatt das wieder zu vergessen, was für den nächsten Test vorgegeben wurde. Wäre das nicht eine gelungene Bildung für euer Kind?

    Welche Bildung wünscht ihr euch überhaupt für euer Kind? Wünscht ihr euch nicht, dass euer Kind am Ende weiß, was es gut kann, von welchem Beruf es lieber die Finger lässt und was ihm so viel Spaß macht, dass er oder sie später damit Geld verdienen können will? Wünscht ihr euch nicht, dass euer Kind gelernt hat, mit anderen zusammen demokratisch Entscheidungen zu treffen? Wünscht ihr euch nicht, dass euer Kind Vorgaben „von oben“ kritisch hinterfragt? Für eine derartige Bildung bräuchte es noch nicht einmal mehr Personal, es bräuchte einfach einen anderen „Lehrplan“, eine andere Lernkultur…

    Und was wäre darüber hinaus noch alles möglich mit der geforderten besseren finanziellen und personellen Ausstattung unseres gesamten Bildungswesens! Von Gebäuden und technischer Ausstattung über Team Teaching und individuellem Lern-Feedback für die Schüler*innen bis hin zu Zusatzangeboten wie AGs und Förderkursen für Schwächere genauso wie für Stärkere,…

       

    Diese „Träumereien“ ließen sich noch bis zur Romanfülle weiter ausbreiten, so seien hier nur einige Punkte angestoßen. Wichtig bleibt dabei, dass es eben keine Träumereien bleiben müssen, sondern tatsächlich realisierbare und – für eine moderne Bildung in einer modernen Gesellschaft auch teilweise zwingend notwendige – Veränderungen sind!

    Liebe Eltern, lohnt es sich wirklich nicht, sich wenigstens ein kleines bisschen für unser Bildungssystem einzusetzen? Damit hoffentlich auch eure Kinder davon profitieren?

    Euer Einfluss als Wähler*in liegt ja auf der Hand, diesen Einfluss sehen die Entscheidungsträger*innen aber nur durch euer Engagement, z.B. bei den Demos auf der Straße.

    Ihr habt aber viel mehr Einfluss als euch vermutlich bewusst ist, auch eurer Schule und Lehrkraft gegenüber.

    Lasst uns mit dem Strahlen unserer Kinder vor Augen weiter für ihre zukunftsfähige Bildung einsetzen, gemeinsam und in vielen kleinen Schritten!

       

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    Ein Blogbeitrag von Lena Bleisch, aktives Mitglied bei ‚Eine Schule für Alle in Bayern e.V.‘, Mutter von 3 Kindern (22, 6, 4) und in Baden-Württemberg ausgebildete Grundschullehrerin mit viel Erfahrung in Schulen außerhalb Bayerns.

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    Am 23. September 2023 sind bundesweit ca. 25.000 Menschen auf die Straße gegangen, um für mehr Bildungsgerechtigkeit, für zukunftsfähige und inklusive Bildung zu demonstrieren. Weitere Informationen zur bundesweiten Initiative ‚Bildungswende Jetzt!‘ findest Du unter

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